"System zu teuer und unwirksam"

Auch aus den eigenen Reihen kommt Kritik an der Jugendwohlfahrt und an der Jugendwohlfahrt-Gesetzgebung: Der Sprecher der Sozialarbeiter(Innen) in Österreich, Georg Dimitz, sagt, es gebe zu viele Kindeswegnahmen mit dem Argument der "Gefahr in Verzug". Dimitz fordert mehr Unterstützung für Familien und ambulante Angebote.

Morgenjournal, 16.12.2011

Der Sprecher der Sozialarbeiter(Innen) in Österreich, Georg Dimitz, im Gespräch mit Bernt Koschuh

Teuer und unwirksam

Rund die Hälfte der Unterbringungen von Kindern in Heimen und Wohngemeinschaften sei nicht zielführend, sagt Dimitz. Nur jedes zweite Kind müsse wegen ernstlicher Gefährdung zu seinem Schutz aufgenommen werden. Bei den anderen wolle man Verhaltensänderungen bei den Eltern und beim Kind erreichen. Die meisten Kinder würden die Einrichtungen mit den gleichen "Verhaltensoriginalitäten" verlassen, wegen derer sie dorthin gekommen seien. "Dann ist das eine teure und unwirksamen Maßnahme", so Dimitz.

Ambulant oder teilstationär

Die Alternative wäre, mehr in das ambulante System zu investieren, die Familien zu unterstützen und das Kind bei den Eltern zu belassen. Auf der anderen Seite sollte der stationäre Bereich differenzieren: "Es muss nicht immer eine Unterbringung für 24 Stunden sein." Auch eine teilstationäre Unterbringung, die auf die spezielle Familiensituation abgestimmt ist, könnte geschaffen werden. Ein Jahr Fremdunterbringung koste rund 63.000 Euro oder 170 Euro pro Tag - "mehr als die kompletten Lohnkosten eines ambulant arbeitenden Sozialarbeiters, rechnet Dimitz vor.