Wie gute Gefühle gesund machen

Die psychosomatische Medizin weiß längst, wie sehr das Gefühlsleben die Gesundheit beeinflusst. In den letzten Jahren häufen sich Langzeitstudien, die diesen Zusammenhang belegen und die das Fach allmählich vom Ruf der Pseudowissenschaft befreien.

Der Mediziner und Journalist Werner Bartens leitet das Wissenschaftsressort der "Süddeutschen Zeitung". Er hat in seinem Buch "Körperglück" zahllose Untersuchungen zusammengetragen. Sie zeigen, wie uns gute Gefühle gesund und schlechte Gefühle krank machen. Bartens ist ein Mann der Evidenz. Seine Quellen sind renommierte Fachmagazine wie das "British Medical Journal", "Lancet" oder "Science".

Bartens staunt immer wieder, "wie gefährlich Unzufriedenheit und schlechte Stimmung" für Herz und Kreislauf ist. Studien zeigten, dass Unzufriedene ein doppeltes bis dreifaches Herzinfarkt- und Schlaganfall-Risiko wie Gleichaltrige mit dem gleichen Job hätten.

Psyche bestimmt Herzrhythmus

Unsere Zellen und Organe sind ein Spiegel unsere Gefühle, schreibt Bartens. Ärzte ordnen heute bestimmten Herzerkrankungen psychischen Beschwerden eindeutig zu: So würden ängstliche Charaktere eher zu Rhythmus-Störungen neigen. Bei cholerischen oder chronisch frustrierten Menschen verkalken gerne die Koronargefäße. Die Psyche beeinflusst sogar, wie alt ein Mensch wird.

Auf Sardinien zeigte eine Studie, dass entspannte Sarden eine bis zu 15 Prozent höhere Lebenswerwartung hatten als zornige. Das zeige, dass es auf die Einstellung zum Leben ankäme, so Bartens.

Die Wahrnehmung macht's

Unser Gefühlsleben lässt sich freilich nicht nach Wunsch beeinflussen. Armut, Krisenstimmung oder existenzielle Bedrohungen machen es schwierig, dem Leben gegenüber positiv eingestellt zu sein. Wer den Alltag als finanziellen Balanceakt erlebt, kann kaum optimistisch in die Zukunft blicken.

Doch selbst in schwierigen Situationen wirkt die innere Haltung auf Körper und Wohlbefinden, so Bartens. "Es geht nicht darum, platt 'think positive' zu predigen. Es gibt da ganz feine Möglichkeiten, die Welt anders wahrzunehmen."
Eine Anekdote mit Mark Twain zeige, wie leicht Körper und Geistin die Irre zu führen sind:

An einem sehr heißen Tag hatte Mark Twain in einem Hotel am Mississippi übernachtet, dessen Fenster sich nicht öffnen ließen. Twain konnte nicht schlafen und wälzte sich im Bett hin und her. Irgendwann nahm er seinen Schuh und warf ihn nach dem Fenster. Es splitterte, ein kühler Windhauch durchzog das Zimmer und Twain konnte endlich einschlafen. Am nächsten Tag bemerkte er: Er hatte den Spiegel zerschlagen.

Bessere Prognose bei positiven Gefühlen

So manches dokumentierte Beispiel lässt staunen: Werner Bartens berichtet von völlig gesunden Patienten, die nach einer Fehldiagnose innerhalb weniger Tage starben, weil sie überzeugt waren, an einer tödlichen Krankheit zu leiden. Sie starben aus der Erwartung, dass es ihnen schlecht geht – und nicht, weil es ihnen wirklich schlecht ging.

Wer davon überzeugt ist, dass er eine schwere Krankheit hat, erkrankt nachweislich stärker und hat eine schlechtere Prognose. Frauen, die glauben, anfällig für Herzerkrankungen zu sein, sterben dreimal öfter an einem Herzinfarkt - unabhängig von allen anderen Faktoren. Auch das hat eine Langzeitstudie gezeigt.

Auch die Wirksamkeit von Medikamenten werde dadurch beeinflusst, was Patienten von diesen hielten, so Bartens. So wirke zum Beispiel die Chemotherapie bei Patienten, die davon überzeugt seien, sie könne ihn heilen, bedeutet besser als bei Patienten, die in der Chemotherapie nur eine weitere Belastung ihres Körpers sähen.

Viele Krebspatienten reagieren schon vor Beginn einer Chemotherapie mit Erbrechen, obwohl Erbrechen eigentlich die Folge der Chemotherapie ist. Es ist die Erwartung, die ihnen übel aufstößt, schreibt Bartens.

Gute Gefühle stärken die Abwehrkräfte

Gleich mehrere Studien haben gezeigt, dass Angst und Ärger die Blutgerinnung im Körper hemmen und die Abwehrkräfte schwächen. Auch Schmerzen empfindet man stärker, wenn man sich über die Schmerzen grämt, denn schlechte Gedanken und Gefühle blockieren die Wirkung von Glückshormonen im Gehirn. Und das steigert die Schmerzwahrnehmung.

Das Prinzip funktioniert - zum Glück! - auch anders herum: Gute Gefühle stärken die Abwehrkräfte, senken den Blutdruck und reduzieren Stress. Eines der gesündesten Gefühle überhaupt ist die Liebe. So haben Menschen in stabilen und liebevollen Beziehungen im Gegensatz zur Kontrollgruppe durchwegs bessere Gesundheitswerte. Sie sind seltener und kürzer krank und haben weniger Stresshormone im Blut. Sogar Wunden heilen schneller, wenn man vom Partner oder der Partnerin angenommen und geliebt fühlt.

"Man weiß, dass Paare, die harmonisch miteinander umgehen, seltener Husten, Schnupfen, Heiserkeit haben - also sprichwörtlich wie wörtlich weniger verschnupft sind", sagt Bartens. Außerdem hätten Frauen, die sich geliebt fühlen, bessere Heilungschancen bei Brustkrebs, und sich geliebt fühlende Männer bessere Heilungschancen bei einem Zwölffingerdarmgeschwür.