Für den Herrscher aus Übersee

Wer Teresa Präauers kleines, subtil gestaltetes Buch "Taubenbriefe" in der Hand hatte weiß, dass sie ein Faible für Vögel hat - als bildende Künstlerin wie als Autorin. So ist es kein Wunder, dass auch in ihrem Romandebüt "Für den Herrscher aus Übersee" Vögel eine zentrale Rolle spielen. Teresa Präauer traut ihnen allerhand zu, denn "die Vögel sind für mich ganz gute Vertreter der Menschen", bei ihnen liegen "Lieblichkeit und Grauen nah beieinander".

So nah wie im Märchen, könnte man sagen, denn Teresa Präauers Roman hat viele Züge eines Märchens - eines kühnen und harten Märchens allerdings, an der Schmerzgrenze zwischen Leben und Tod, wie die Autorin betont.

Der Großvater erzählt

Das ganze Buch hindurch ist eine für das Märchenerzählen typische Konstellation inszeniert: Die Großeltern sind mit ihren Kindern allein; denn die Eltern sind auf Weltreise. Der Großvater erzählt, der Großvater erklärt seine Thesen von Welt und Leben, der Großvater ist in Aktion - vor allem beim Fliegen; mit ihm machen die beiden Kinder ihre Erfahrungen.

Dazu gehört auch eine harte Lehre fürs Leben: "Man muss sich trennen können von dem, was man liebt." Aus diesem Grund köpft der Großvater das Lieblingshuhn der Kinder, das dann in einer Mischung aus archaischem Ritus und Groteske verkocht wird.

Der Großvater mit Enkelin und Enkel - das ist die Grundkonstellation des Romans "Für den Herrscher aus Übersee". Und dann ist da noch die Fliegerin. Aber wer ist sie eigentlich? Ist sie identisch mit der Enkelin? So einfach ist es nicht mit der Perspektive dieses Romans - und nicht mit dem Ich, das hier erzählt. Sie "winken einander zu, würde ich sagen", so die Autorin.

Verknüpfte Textteile

Viele Elemente in diesem Roman winken einander zu, vor allem auch die genau miteinander verknüpften Textteile, die wechselseitig Stichworte aufnehmen und weiterspinnen. Und immer wieder fasziniert die Genauigkeit, vor allem in der Landschaftsbeschreibung. Aber sie kann jederzeit ins Surreale kippen, abheben in die Phantasie. "Einen Berg kann man notfalls rot streichen lassen", dachte schon der Großvater, als er noch jung war.

Der Großvater - ständig erzählt er von der Japanerin, seiner großen Liebe. Es ist die abenteuerliche Geschichte einer radikalen Liebe mit großen Zeichen - einem in den Finger mit glühendem Metall eingebrannten Ring und einer weithin sichtbaren Markierung der Liebes-Landschaft. Und vor allem einem genauen Konzept des Großvaters.

Vielleicht ist dieses Liebes-Projekt ja auch gerade daran gescheitert - oder daran, dass der Großvater nur Nutztiere haben wollte, keine Ziervögel. Oder vielleicht hat es die Japanerin gar nicht gegeben und der Großvater flunkert sich ein außergewöhnliches Leben zusammen. So genau weiß das nicht einmal die Autorin Teresa Präauer, denn: "Das Leben ist die Geschichte, die man sich erzählt vom Leben."

Der Traum vom Fliegen

Die Geschichte geht auf jeden Fall gut aus, denn der Großvater hat ja die Großmutter gefunden; und sein Hof ist voller Ziervögel. Und er ist international vernetzt - "Für den Herrscher aus Übersee" hat er auf ein Glas seiner außergewöhnlichen Marmelade geschrieben.

Am Ende des Buches, als die Eltern schon ihre Koffer die Straße herauftragen, bringt die Großmutter den Kindern eine Karte mit fremdländischen Schriftzeichen; sie stammt wohl von der Japanerin. So wird also Großvaters Erzählwelt ins Recht gesetzt. Und der Großvater setzt die Kinder ins Recht und die Welt ihrer Phantasie. Jene Kinder, die von den Vögeln schreiben und lesen lernen - während die Vögel erst mit der Fliegerin so richtig fliegen lernen.

Der alte Traum vom Fliegen, der die Literatur seit dem Mythos von Dädalus und Ikarus inspiriert, wird schon im Motto des Romans auf das Schreiben bezogen. Teresa Präauer findet da auch einige Parallelen, denn man könne die Welt eben von oben besser sehen.

Roman als Sprachkunstwerk

Amüsieren kann man sich in der fliegenden Leichtigkeit von Teresa Präauers Prosa immer wieder; aber man kann sich nicht einfach amüsieren lassen, denn "wir müssen uns selbst zusammenreimen, was das alles miteinander zu tun hat", wie es schon auf Seite 18 des Romans heißt. Das allerdings, sagt Teresa Präauer im Gespräch, gilt nicht in erster Linie für den Roman, sondern für das Leben.

Der Roman ist jedenfalls ein Sprachkunstwerk, dessen wunderbar fließende und genau durchgearbeitete Sätze einen abheben lassen in die Welt, die er konstituiert. Schwer vorzustellen, dass da jemand beim Lesen nicht seine oder ihre helle Freude daran haben könnte.

Service

Teresa Präauer, "Für den Herrscher aus Übersee", Wallstein Verlag

Wallstein - Für den Herrscher aus Übersee