Die Abenteuer des Joel Spazierer

Ein Lügner, Betrüger, Falschspieler, Erpresser und schließlich sogar Mörder ist die Hauptfigur dieses Buches. Von den zahlreichen Identitäten, die der Mann auf seinem langen Lebensweg aufgebaut hat, gibt eine den Titel vor: "Die Abenteuer des Joel Spazierer" nennt sich das Buch, und diese seine Hauptfigur hüllt der Roman dann auch gleich in reichlich erzählerische Watte.

Mit anderen Worten: Es ist ein typischer Köhlmeier, den Michael Köhlmeier hier geschrieben hat. Sanft und spielerisch, gleich einer langen und - da und dort vielleicht etwas allzu langen - Girlande umfängt die Erzählung ihren Titelhelden. Trotz all seiner Verfehlungen erscheint Joel Spazierer dabei stets als ein hoch sympathischer Mann. Dies liegt auch an seiner ausgeprägten Höflichkeit. Mit dieser will er den Menschen aber nicht näherkommen, vielmehr distanziert er sich mit ihr von ihnen hoch effektiv.

Allein gelassen

Über volle 650 Seiten hinweg merkt man dem Buch an, wie sehr der Autor an der Figur seine Freude hatte. In einem Interview hat Köhlmeier erklärt, dass ihm die fiktive Gestalt während des Schreibens förmlich ans Herz gewachsen sei: Ausgangspunkt war die Vorstellung, dass Spazierer, der damals freilich noch ganz anders hieß, schon im frühesten Kindesalter allein gelassen wurde.

Wir befinden uns in Budapest Anfang der 1950er Jahre. Die Großeltern des Kleinkindes werden von stalinistischen Schergen verhaftet, der Vierjährige verbringt fünf Tage allein in der Wohnung, bis er schließlich knapp vor dem Verhungern von der Mutter gerettet wird. Dieses Erlebnis bestimmt alles weitere: Spazierer wird von nun an keinem Menschen mehr trauen.

Der Kommunismus in Osteuropa

Als eine Art Gegenstück zu seinem großen Roman "Abendland" hat Köhlmeier die "Abenteuer des Joel Spazierer" konzipiert, nämlich als eine Auseinandersetzung mit der zweiten großen Ideologie des 20. Jahrhundert, dem Kommunismus und seinen konkreten Erscheinungsformen in den osteuropäischen Ländern. Dementsprechend legt der Autor den Lebensweg seines Helden an: Aus Ungarn fliegt er als Kind nach Österreich, in ein Wien, das so wirkt, als herrschte in ihm immer noch der Dritte Mann. Spazierer verdingt sich in dieser dunklen Welt als Strichbub und erpresst seine prominenten Freier.

Nach einem längeren Abstecher ins Ländle und in die Schweiz, wo er zum Mörder wird, und nach Verbüßung einer mehrjährigen Haftstrafe sucht er in der DDR um politisches Asyl an. Dieses wird ihm gewährt, und er bekommt eine Professur für wissenschaftlichen Atheismus. Selbst an die schlimmsten Bonzen kommt Spazierer im Arbeiterparadies mühelos heran. Ein Satz aus Köhlmeiers Buch soll dabei wohl als eine besondere Provokation wirken, wörtlich heißt es: "Sehr gut verstand ich mich mit Erich Mielke." Mit dem Ehepaar Honecker übrigens trinkt er dann Tee.

Mitte der 1980er Jahre kehrt Spazierer in den Westen zurück, trifft in Wien auf einen alten Bekannten, den Schriftsteller Sebastian Lukasser und schreibt unter dessen fachkundiger Anleitung seine Lebensgeschichte nieder. Lukasser, das Alter Ego von Köhlmeier, ist hart gesottenen Fans des Vorarlberger Autors schon aus Roman "Abendland" und der zwischendurch eingestreuten Erzählung "Madalyn" bekannt.

Zu viele Details

Dass das Buch "Abendland" in der damaligen Rezeption mit einem sehr plakativen Begriff als ein "Jahrhundertbuch" bezeichnet wurde, in dem Sinn, dass dieses Werk erzählerisch ein ganzes Jahrhundert umfasst, war vielleicht ein eher unglückliches Manöver der Literaturkritik. Jetzt droht es sich an den "Abenteuern des Joel Spazierer" zu wiederholen, aber wenn man es recht betrachtet, machen selbst beide Werke zusammengenommen noch immer kein wirkliches Jahrhundertbuch aus. Ganz im Gegenteil zeigt sich gerade dort, wo Köhlmeier die Epoche schildern will, die Begrenztheit seines erzählerischen Verfahrens. "Die Abenteuer des Joel Spazierer" basieren auf einer guten individuelle Story, dazu hätte es aber nicht unbedingt 650 Seiten Umfang gebraucht.

Beinahe 50 Jahre ist es her, dass Peter Handke in einem pauschalen Rundumschlag der gesamten deutschsprachigen Gegenwartsliteratur "Beschreibungsimpotenz" vorgeworfen hat. Den Grund für das Versagen des Realismus sah Handke damals in seinem bloß additiven Charakter. Es könnte Sinn machen, sich an diesen Einwand zu erinnern, wenn man Köhlmeiers Buch liest, denn dieser Autor ist ein begnadeter Aufzähler. An manchen Stellen fragt man sich, wozu das gut ist. Beispielsweise dann, wenn Köhlmeier in fast schon manischer Weise Speisen in all ihren Zutaten beschreibt. 1966 isst Spazierer beispielsweise einen Teller mit Schwein, Rind, Huhn, Gelben Rüben, Karotten, Sellerie, Lauch, Kartoffeln, Nudeln und Liebstöckel. Warum konnte es da nicht einfach nur heißen: Alt-Wiener Suppentopf?

Ein charmanter Lügner

Möglicherweise wäre Köhlmeiers Buch durch einen Verzicht auf viele unnötige Details zu kurz und zu wenig epochal geraten. Der Wahrheitsanspruch jedenfalls, den Handke an sein eigenes Schreibens stellt, ist dem Vorarlberger Autor fremd. Köhlmeiers literarisches Programm arbeitet mit vorgefertigten und (wie sich auch schon an seinen früheren Büchern erweisen hat) gut funktionierenden Formen des Erzählens und sein Thema ist die Lüge.

Mit den "Abenteuern des Joel Spazierer" liegt jetzt ein Buch über einen großen charmanten Lügner vor, die Lüge bestimmt hier aber auch die Form des Erzählens. Michael Köhlmeier und sein Stellvertreter im Buch, der Schriftsteller Sebastian Lukasser, bekennen sich dazu: Das Publikum will zum Lesen verführt werden und der Königsweg dazu ist der literarische Schwindel. Michael Köhlmeier hat es in dieser Kunst zu großer Meisterschaft gebracht.

Service

Michael Köhlmeier, "Die Abenteuer des Joel Spazierer", Hanser Verlag

Hanser - Die Abenteuer des Joel Spazierer