Sag Ja zu Österreich

Conny Götzlbacher, Jakob Hartweger und Rolf von Raulick leben als Auslandsösterreicher im angesagten Berlin. Conny will hier ihre Karriere als Singer-Songwriterin starten. De facto verbringt sie aber die meiste Zeit in ihrem Zimmer und ist nur wenig motiviert, Gitarre zu üben.

Jakob ist Grafikdesigner, was in Berlin allerdings kein Alleinstellungsmerkmal ist. Dementsprechend mühsam verläuft seine Jobsuche. Rolf ist Spross einer adeligen Familie und fristet sein Dasein in der Hipster-Metropole als Wohlstandsverwahrloster. Irgendwann gestehen sich die drei ihr Scheitern ein, und beschließen, nach Österreich heimzukehren.

"Diese Erzählung des Heimkehrens ist inspiriert durch viele Gespräche, die ich geführt habe mit Freunden, die auch zurückgekehrt sind, oder die immer wieder zurückkehren, sei es nur für eine Woche", sagt Fabian Faltin. "Ich habe festgestellt, dass praktisch alle Auslandsösterreicher, die zurückkehren, zunächst einmal total schockiert sind, was hier in Österreich so abgeht. Und mittlerweile nehme ich das aber nicht mehr so ernst. Also ich glaube, man hat einen Verfremdungseffekt, man denkt noch in alten Kategorien - Probleme mit der Familie, vor denen man in Wirklichkeit eigentlich geflüchtet ist, und dann kommt man an am Westbahnhof und sieht irgendwie einen Sandler und das ist dann schon ein Symbol fürs ganze Land. Letztlich ist es ja in allen andern Städten genau gleich."

Die andere Seite von Berlin

Fabian Faltin hat selbst einige Jahre in Berlin verbracht. Heute lebt er wieder in seiner Heimatstadt Wien und im ländlichen Niederösterreich. Mit seinem Buch "Sag Ja zu Österreich" habe er versucht, seiner Rück-Integration ein sichtbares Denkmal zu setzen. Für viele Kulturschaffende ist Berlin immer noch die Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten.

"Das ist auch ein bisschen die Provokation dieses Buches, es gibt ja viele Berlinromane, die das Lebensgefühl in Berlin zelebrieren und ich hab geschaut, ob ich da vielleicht auch einmal eine andere Seite von Berlin beleuchten kann", so Faltin, "nämlich dass man extreme Schwierigkeiten hat, einen Job zu finden, als Künstler ist man dort wirklich überflüssig, weil es wahrscheinlich Millionen gibt. Auch als Schriftsteller ist es irrsinnig schwierig, Anschluss zu finden an irgendwelche Szenen oder Strukturen, und in Österreich ist es natürlich viel überschaubarer."

Humorvolles Österreich-Panorama

Conny kehrt zurück in das elterliche Landgasthaus und verliebt sich in einen bodenständigen Installateur. Jakob verschlägt es in eine lukrative, parteinahe Werbeagentur in Nobelvorort und Rolf zieht in das Familien-Bootshaus am idyllischen Traunsee. Anhand dieser drei Heimkehr-Geschichten entwirft Faltin ein ebenso buntes wie humorvolles Österreich-Panorama, Anleihen nimmt er dabei unter anderem bei Volkskundebüchern:

"Eine Sache, die mich auf jeden Fall inspiriert hat, waren Bücher, die ich bei meinen Großeltern gefunden hab, so aus den 50er, 60er Jahren, das war halt die Zeit des Wiederaufbaus, und das sind auch so Panoramabücher, mit Fotos vom schönen Österreich, dem Semmering und den Wallfahrtsorten, usw. Und ich glaube, für diese Generation war Österreich wirklich eine Aufgabe, also die haben wirklich mit Österreich was anfangen können, weil Österreich ist gleich 'Anpacken'."

"Mein Österreich, mein Vaterland", heißt eines dieser Heimatbücher, das 1955 hunderttausendfach für Schulen gedruckt wurde, und anhand ausschweifender Lobeshymnen, Tabellen und Grafiken das "Wunder Österreich" illustriert. Einige Kunstdrucke und Landschaftskarten hat Fabian Faltin - leicht abgeändert - in sein Werk aufgenommen. Heute, so meint er, sei Österreich eher ein Problem für Designer und Marketingstrategen.

"Zum Beispiel die Österreichwerbung, die hat einen Designer beauftragt, einen Duft zu entwerfen, der für Österreich steht. Und den gibt's auch, den Duft, der wird tatsächlich in allen Agenturen oder so auf Messen versprüht. Es riecht ungefähr so, wie wenn man ein AUA-Flugzeug betritt."

"Hutbauern und Pfeiferlschmücker"

Weitere Inspiration lieferte das monatliche Heimat-Magazin "Servus" aus dem Red-Bull-Medienimperium, in dem Brauchtum, Landschaften und traditionelle Berufe dargeboten werden.

"Die zelebrieren ein vergangenes oder auch ein authentisches Österreich", sagt Faltin. "Also wenn man diese Zeitschrift liest, hat man das Gefühl, Österreich besteht eigentlich nur aus Hutbauern und Pfeiferlschmückern und solchen Berufen, und die haben was sehr Interessantes, die haben eine Sprache, die durchgehend in allen Artikeln verwendet wird, die quasi wie ein Designer-Dialekt ist. Also das ist ein Dialekt, der ist für mich zumindest nicht irgendwo verortbar, aber es werden einzelne Worte wie Juwelen in die Artikel reingegeben."

"Ein bissl", statt "ein bisschen" heißt es da, "Postillion" statt "Briefträger" und "Putzi" statt "Baby" - eine künstliche Ausdrucksweise, mit der der Autor gewieft spielt. Gefallen gefunden hat er außerdem an überbordenden Metaphern und verschachtelten Satzkonstruktionen. Insgesamt ergibt das einen etwas gewöhnungsbedürftigen Stil.

"In der Literatur heute geht es halt wie in der Werbung immer mehr um Verknappung, Hauptsätze, kurz, prägnant; es muss leicht lesbar sein, es muss kommunizieren, es muss klar sein und ich denke mir manchmal, wir haben eigentlich auch einen riesigen Reichtum verloren, an diesen mehr so barocken Sprachbildern, an so manierierter Sprache, eben 50er Jahre aber auch 19. Jahrhundert. Also ich meine, die Heimatbücher dort, heute gilt das irgendwie als unleserlich, aber ich bin gerade dabei, das immer mehr zu entdecken, dass man da eigentlich auf total interessante Weise schreiben und natürlich dann auch denken kann."

Urheberrechtlich geschützt

Gedenktafeln und Gedichte fließen ebenso in den Roman ein, wie Chatprotokolle, Wahlplakate und schwer einzuordnende Metatexte. All das setzt der Autor zu einer kuriosen Österreich-Collage zusammen, die man so bisher vermutlich noch nicht gesehen hat. Ob die Heimkehr-Erzählungen letztlich gut ausgehen, liegt wohl im Auge des Betrachters. Conny etwa begräbt ihren Traum Sängerin zu werden, zieht mit ihrem Handwerker in einen Rohbau im Nachbarort und wird aus Mangel an Perspektiven umgehend schwanger.

"Ja, für die Conny musste ich tatsächlich auch schon von feministischer Seite ziemlich harte Kritik einstecken, aber man kann ihr nicht vorwerfen, dass sie es nicht probiert hätte, sie war in Berlin und sie hat ein Leben probiert. Und jetzt probiert sie mal ein anderes. Also ich weiß nicht, auch als Autor, ich hab immer die Sehnsucht, irgendwann einmal in irgendeiner Normalität anzukommen, und ich hatte auch in Berlin immer diese Sehnsucht. Vielleicht ist es ein bisschen überzeichnet, die Normalität, in der Conny ankommt, aber für viele ist das, was sie lebt, eigentlich ein Traum."

Seinen Slogan "Sag Ja zu Österreich" hat sich Fabian Faltin übrigens rechtlich gesichert, im Web sind bereits T-Shirts mit dem Aufdruck erhältlich. Für populistische Zwecke kann der Spruch nun also nicht mehr herhalten, freut sich der Autor:

"Ich weiß nicht, warum zum Beispiel die FPÖ noch immer nicht eine Kampagne 'Sag Ja zu Österreich' gestartet hat, ich bin auch wirklich überzeugt, sie sind wahrscheinlich mehrmals schon um ein Haar daran vorbeigeschrammt. Aber wie gesagt: Jetzt gehört mir schon mal die Webdomain, und das Buch hab auch ich geschrieben. Also jetzt müssen sie erst mal bei mir anklopfen."

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Fabian Faltin, "Sag Ja zu Österreich", Milena Verlag

Milena Verlag