Indiens verdrängte Wahrheit

Ab Montag, den 7. April 2014, wählt Indien ein neues Parlament. Die mit fast 1,3 Milliarden Einwohnern größte Demokratie der Welt galt lange Jahre als Wirtschafts-Boomland. An der größtenteils ländlichen Bevölkerung des Landes ging der Aufschwung aber vorbei: rund 500 Millionen Inder leben unter der Armutsgrenze. Frauenverachtung, Ausbeutung und Korruption stehen auf der Tagesordnung.

"Indiens verdrängte Wahrheit", so nennt sich das Buch der deutschen Asien-Korrespondenten Georg Blume und Christoph Hein, die sich den Schattenseiten der drittgrößten Volkswirtschaft Asiens widmet.

Mehrheit der Bevölkerung im Elend

Exotische Urlaubsdestination, Wirtschaftswunderland, bunte Bollywood-Kulisse. Mit kaum einem anderen asiatischen Land verbinden wir so viel Positives wie mit dem indischen Subkontinent. Mehr noch: Der Westen befinde sich in einem "kollektiven Indien-Taumel", schreiben Christoph Hein und Georg Blume. Asiens drittgrößte Volkswirtschaft gilt als großer Hoffnungsträger, obwohl das internationale Vertrauen nach Ansicht der beiden Indien-Kenner nur wenig gerechtfertigt ist:

"Indien hat uns immer mit Farben und mit Demokratie, mit Gandhi, Nehru fasziniert", so Georg Blume. Der Alltag sei jedoch ganz etwas anderes. "Die Mehrheit lebt in Elend, Dörfer, wo Kasten sich einteilen in Leute, die alles haben, und andere, die nichts haben, Frauen, die keine Rechte haben." Georg Blume hat viele Jahre für das Wochenblatt "Die Zeit" aus Indien berichtet. Der Situation der Frauen im Land ist der größte Teil des Buches gewidmet.

Das gefährlichste Land der Welt für Mädchen

Vor knapp eineinhalb Jahren machten Massenprotestes gegen eine brutale Gruppenvergewaltigung in Neu-Delhi auch im Westen Schlagzeilen. Als das Opfer, eine 23-jährige Studentin, an ihren Verletzungen starb, demonstrierten Zehntausende Inderinnen gegen die alltägliche Gewalt. Ein Frauenleben ist in der größten Demokratie der Welt nämlich wenig wert. Und das beginnt schon im Mutterleib. Wegen der selektiven Abtreibung von weiblichen Föten ging der Anteil der Frauen an der Gesamtbevölkerung in manchen Regionen Indiens schon drastisch zurück.

Alltag sind auch sogenannte Mitgiftmorde - kein Überbleibsel einer patriarchalen Gesellschaftsordnung, sondern eine der Schattenseiten des Wirtschaftsbooms, davon ist Georg Blume überzeugt: "Es gib ca. 100.000 Frauen, die verbrannt werden, weil sie ihre Familie nicht reich machen." Genauso sähe es bez+glich Abtreibung aus. Kindsmorde gab es immer schon, aber nicht als Massenphänomen, "wo in den letzten Jahren 13 Mio. kleine Mädchen verloren hat", so Blume. Die Vereinten Nationen erklärten Indien sogar zum gefährlichsten Ort für Mädchen weltweit.

Reiche durch Aufschwung noch reicher

Die Missachtung von Frauen ist aber nur ein Aspekt, dem sich das Buch "Indiens verdrängte Wahrheit" widmet. Wie kann es sein, fragen die Autoren weiter, dass der Reichtum in der drittgrößten Volkswirtschaft Asiens so ungleich verteilt ist wie sonst kaum wo? Während in den Städten dank der Niederlassungen internationaler Technologiefirmen eine gewisse Prosperität Einzug gehalten hat, ging der Wirtschaftsaufschwung an den ländlichen Regionen völlig vorbei.

"Von diesem Aufschwung haben nur wenige profitiert", meint Christoph Hein. Die Kaufkraft wachse zwar, aber die Masse der Inder könnte nur profitieren, wenn die Infrastruktur verbessert wird. "Viele aus der Elite haben sich extrem bereichert", sagt Christoph Hein, Co-Autor und Asien-Korrespondent der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

Heute zählt Indien die meisten Milliardäre, während fast jeder dritte Einwohner unter der Armutsgrenze von 1 Dollar 25 pro Tag lebt. Noch ein trauriger Rekord: Beinahe die Hälfte aller unternährten Kinder weltweit nennt Indien ihr Zuhause. Zahlen, die eher auf ein Entwicklungsland schließen lassen als auf eine aufstrebende Weltmacht. Dabei mangelt es gar nicht an gut gemeinten Hilfsprogrammen - nur erreichen die selten auch diejenigen, die es brauchen. Dafür sorgen Korruption und Misswirtschaft, schreiben die Autoren.

Strafverfahren gegen rund ein Drittel der Politiker

Nicht nur Provinz-Politiker und Beamte machten sich der Bestechung schuldig, auch gegen ein knappes Drittel der Parlamentarier in Neu-Delhi laufen derzeit Strafverfahren, heißt es im Buch. Viel zu lange habe man in Indien zu den korrupten Seilschaften der regierenden Klassen geschwiegen, meint Christoph Hein: "Es ist eine extrem hierarchische Gesellschaft. (...) Man hat Achtung vor jemanden, der es geschafft hat." Im Bereich Korruption gebe es jedoch schon eine Gegenbewegung, die von Woche zu Woche stärker geworden ist.

Die Aam Admi Parti, gewachsen aus dieser Antikorruptionsbewegung, will bei den am Montag beginnenden Parlamentswahlen die etablierten Parteien herausfordern. Allen voran die seit zejn Jahren regierende Kongresspartei. Ihr Hoffnungsträger ist Rahul Gandhi, Spross des Nehru-Gandhi-Clans, der seit der Unabhängigkeit Indiens 1947 die Politik im Land dominiert. Meinungsforscher sagen Gandhi aber hohe Verluste voraus.

Die größten Chancen bei den Parlamentswahlen werden Narendra Modi prophezeit, dem Spitzenkandidaten der Hindu-nationalistischen Volkspartei BJP. Auch er ist kein unbeschriebenes Blatt: 2002 soll er antimuslimische Pogrome in seinem Bundesstaat Gujarat gebilligt haben, bei denen 2.000 Menschen starben. Aufgrund seiner Historie im Umgang mit Muslime, könnte er das Land jedoch spalten, meint Blume. Immerhin sind rund 15 Prozent der indischen Bevölkerung Muslime.

Die Reportagen der Asien-Kenner Christoph Hein und Georg Blume räumen mit den meisten der gängigen Indien-Klischees auf. Ein Buch, das jedem Indien-Reisenden ans Herz zu legen ist.

Service

Georg Blume und Christoph Hein, "Indiens verdrängte Wahrheit. Streitschrift gegen ein unmenschliches System", Edition Körber Stiftung