Zukunft als Katastrophe

In den Katastrophenfilmen Hollywoods und den Weltuntergangsromanen von Cormac McCarthy und Michel Houellebecq, in Computerspielen, Sachbuch-Bestellern und den Ängsten vieler Menschen vor dem zu erwartenden Klimawandel: die Apokalypse, das drohende planetare Inferno, beschäftigt die Phantasien unserer Kultur in zunehmendem Maße.

Die deutsche Literaturwissenschaftlerin Eva Horn – sie lehrt an der Universität Wien – beschäftigt sich in einem aufsehenerregenden Buch nun mit den apokalyptischen Obsessionen der modernen Kultur. "Zukunft als Katastrophe" heißt Eva Horns Studie.

Die Lust am Untergang

In Roland Emmerichs Blockbuster "The Day After Tomorrow" schwappt eine Riesenflutwelle über New York hinweg und reißt – böser Klimawandel! – Millionen Menschen in den Tod. In Cormac McCarthys Bestseller "The Road" vagabundieren ein Vater und sein Sohn auf der Suche nach Nahrung und anderen Überlebenden durch ein postapokalyptisches Amerika. Und in Lars von Triers Endzeit-Thriller "Melancholia" kollidiert die Erde mit einem Planeten und verglüht in einem alles verschlingenden Flammenball.

Die in Wien lehrende Literaturwissenschaftlerin Eva Horn geht in ihrem Buch der Frage nach, warum sich das "Kollektive Imaginäre", wie sie es nennt, so exzessiv in Weltuntergangs-Phantasien ergeht.

Düster statt farbenfroh

Frühere Zeitalter mochten die Zukunft in leuchtenden Farben gemalt haben, das unsrige schwelgt in düsteren Phantasien. Und das aus gutem Grund: Klimawandel und die Verschmutzung der Meere, verantwortungslose Ressourcenvergeudung und das explosionsartige Anwachsen der Weltbevölkerung, all das kumuliert zu einer Art "Metakrise", die umso beunruhigender wirkt, als wir durch banale Tätigkeiten wie Autofahren, Essen oder Urlaubmachen zu einer Verschärfung dieser Krise beitragen. "Katastrophe ohne Ereignis" nennt Eva Horn das: Die Krise spitzt sich gerade durch die Kontinuität des Banalen zu, durchs schiere Weitermachen, sie kennt keine klar benennbaren Akteure und keine Schuldigen. Entsprechend nebulös bleiben die Ängste, die sich mit dieser Krise verbinden.

"Seit etwa fünfzehn Jahren haben wir die Berichte des IPCC über den zunehmenden Klimawandel, das Abschmelzen der Gletscher und der Eisschelfe", sagt Eva Horn. "Gleichzeitig ist das etwas, was wir nicht richtig spüren können: Die Erwärmung um ein oder zwei Grad spüren wir nicht, aber ständig, wenn es mal untypisch regnet oder wenn's einen besonderen Sturm gibt, reden wir darüber, dass das wohl der Klimawandel sei. Der Punkt scheint mir zu sein, dass wir aus diesen diffusen Ängsten einzelne Szenarien brauchen, um uns irgendwie vorzustellen, was uns möglicherweise blühen könnte: das Szenario eines völlig zerstörten Klimas, wie wir's in McCarthys 'The Road' haben – das ist so eine Art nuklearer Winter, der da herrscht, nichts wächst mehr, keine Sonne dringt mehr durch, das ist ein Versuch, sich vorzustellen, was es bedeuten könnte, wenn das Klima wirklich zerstört ist, es ist der Versuch, unseren Ängsten Bilder zu geben."

Der Weltuntergang der Romantiker

Die apokalyptischen Szenarien, die Filme und Bücher wie jenes von Cormac McCarthy vor uns ausbreiten, diese apokalyptischen Szenarien kleiden die nebulösen Befürchtungen unserer Gegenwart in klar fassliche Geschichten - das ist eine von Eva Horns Thesen. Dabei schlägt die 48-Jährige einen imponierenden Bogen von Zeitalter der Romantik bis in unsere Gegenwart.

Die Angst vor dem Weltuntergang ist ja keineswegs eine Erfindung des 20. Jahrhunderts, schon die Romantiker, allen voran Lord Byron, aber auch der heute fast vergessene französische Dichter Grainville, Künder des "Letzten Menschen" – bereits diese Autoren ergingen sich in wollüstig-grausamen Untergangsvisionen. Ausführlich widmet sich Eva Horn in ihrem Buch Byrons Gedicht "Darkness", in dem der Dichter eine postapokalyptische Welt heraufbeschwört, eine Welt, in der die Menschen von Angst und Verzweiflung erfüllt kannibalistisch übereinander herfallen:

"Die Romantik sagt: Was der letzte Menschen sehen wird, ist eine Menschheit, die in komplette Barbarei verfallen ist, eine Menschheit, die im Grunde genommen gar nicht verdient hat, gelebt zu haben", so Horn. "Das ist ein Vernichtungsurteil, das sich auch ganz ausdrücklich und polemisch gegen die optimistische Menschenfigur der Aufklärung wendet."

In einer imposanten Tour de Force durch die abendländische Kulturgeschichte rekapituliert Eva Horn die Geschichte der Weltuntergangsängste – von Karl Jaspers' und Günter Anders' Diagnosen über die Gefahren des Nuklearkriegs bis hin zu Hermann Kahns kaltschnäuzigen Analysen über die Plan- und potenzielle Gewinnbarkeit just dieses Nuklearkriegs.

Katastrophenfilme mit aufklärerischer Wirkung?

Von den Gefahren des sogenannten atomaren Overkills ist in den heutigen Debatten vergleichsweise wenig die Rede, ganz im Gegensatz zu den 1980er Jahren, als die Bedrohung durch Pershing-2- und SS-20-Raketen massive Zukunftsängste ausgelöst hat. Heute beschäftigt uns die Angst vor einem Atomkrieg kaum noch, obwohl es durchaus Anlass dafür gäbe – die Nuklearwaffenarsenale sind immer noch prall gefüllt -, abgelöst wurden die seinerzeit allgegenwärtigen Atomängste vom Wandel des Weltklimas als derzeit hegemonialem Endzeit-Szenario.

Es ist vor allem das Hollywood-Kino, das aus diffuser Weltuntergangpanik in Dutzenden Blockbustern klingende Münze schlägt. Eva Horn zeigt sich skeptisch, was das aufklärerische Potenzial solcher Produktionen betrifft:

"Ob Katastrophenfilme eine aufklärerische Wirkung haben, hängt einerseits vom Film ab. Sicherlich sind die Emmerich-Filme eher dazu angetan, uns eines beizubringen: Man kann diese Sache immer auch überleben, und zwar dann, wenn man sich an seine Familie hält. Das sind immer Familienrettungsgeschichten, die die Sache doch sehr viel idyllischer darstellen, als sie wirklich ist, und nur um Hintergrund eines Films wie '2012' sterben dann ein paar Milliarden Menschen, das mag zwar bedauerlich sein, aber die nette kleine Familie von John Cusack, die kommt dann doch noch auf die Arche und alles wird gut. Das ist die Frage: Wie aufklärerisch sind solche Filme?"

"Ich glaube, es gibt aber auch so etwas wie eine Verantwortung beim Genuss solcher Produkte", fährt Horn fort. "Einerseits kann man sich ins Kino setzen und sagen: Ja, da geht zwar mal wieder einer unter, aber ich sitze hier im Kino und esse mein Popcorn, und es wird schon so schlimm nicht kommen. Das hat die Philosophie 'Interpassivität' genannt: Wir lassen andere dran glauben und vergnügen uns dabei. Man kann aber auch hingehen und Texte wie McCarthys 'The Road' oder Filme wie Terry Gilliams 'Twelve Monkeys' konsumieren, die wirklich sehr intelligent sind. Diese Produkte machen uns auf die Fragilität unserer Situation aufmerksam, und das heißt: Die Beschäftigung mit Katastrophen im Kino, in der Literatur, im Sachbuch kann auch dazu führen, zu sehen, in welcher prekären Situation wir uns befinden, und dass wir unsere politischen Vorstellungen ändern müssen, um auf diese Zerbrechlichkeit unserer Existenz reagieren zu können, und auf die Bedrohtheit unserer Existenz."

Anregende Lektüre

Eines arbeitet Eva Horn in ihrem Buch deutlich heraus: Dass man apokalyptische Visionen kulturkritisch dekonstruieren kann, bedeutet noch lange nicht, dass sie auf bloßen Imaginationen beruhen. Ganz im Gegenteil: Viele Gefahren, die zeitgenössische Dystopien in grellen Farben heraufbeschwören, haben eine reale Basis, vom Klimawandel bis zum Raubbau an den planetaren Ressourcen. Das gerade macht diese Dystopien ja so beunruhigend.

"Zukunft als Katastrophe", Eva Horns 460-Seiten-Studie, besticht durch die Souveränität, mit der die Autorin die ungeheure Fülle an Material, die sie da zusammengetragen hat, ordnet und interpretiert. Dass die Literaturwissenschaftlerin eine gewandte Feder führt – keine Selbstverständlichkeit bei akademischem Fachpersonal – macht ihr Buch, bei aller thematischen Unersprießlichkeit, die ihm eignet, zu einer anregenden, streckenweise sogar lustvollen Lektüre, auch wenn die Lustempfindungen des Lesers doch deutlich in Richtung Angstlust hinüberspielen. Aber das tun die dystopischen Meisterwerke Lars von Triers und Cormac McCarthys schließlich auch.

Service

Eva Horn, "Zukunft als Katastrophe", Verlag S. Fischer

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