Abwehrkampf der Grenzlanddeutschen

Der Wiener Zeithistoriker Bernhard Weidinger hat die umfassendste Forschungsarbeit über die Geschichte der schlagenden Burschenschaften vorgelegt, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten in Österreich erschienen ist: "Im nationalen Abwehrkampf der Grenzlanddeutschen - Akademische Burschenschaften und Politik in Österreich nach 1945" ist im Böhlau Verlag erschienen.

Sie tragen Verbindungsnamen wie "Arminia", "Germania" und "Teutonia" und sind in Universitätsstädten wie Wien, Graz oder Innsbruck aktiv: Etwa hundert völkische Burschenschaften gibt es in Österreich, nicht nur für Studenten, sondern auch für Oberstufenschüler, und wenn die schlagenden Verbindungen Wiens demnächst wieder zum "Akademikerball" in der Hofburg laden, ist Randale auf den Straßen rund um die Hofburg fast schon wieder vorprogrammiert.

Jörg Haider, Mitglied der schlagenden Burschenschaft "Silvania Wien", war einer. Herbert Haupt, Österreichs Vizekanzler 2003 und Alter Herr der "Akademischen Landsmannschaft Kärnten zu Wien" ist einer. Und auch H. C. Strache, Verbindungsbruder der pennalen Burschenschaft "Vandalia" zu Wien, hat in seiner Jugend so manche Mensur gefochten. Immer wieder ist es deutschnationalen Burschenschaftern in Österreich in den letzten Jahren und Jahrzehnten gelungen, politische Spitzenpositionen einzunehmen.

Karriere-Mechanismen der Korporierten

"In Zeiten, in denen die FPÖ an die Schalthebel der Macht vorrückt, bringt das stets auch Burschenschafter in einflussreiche Positionen", sagt der Zeithistoriker Bernhard Weidinger. Er beschreibt die Karriere-Mechanismen der Korporierten in der Alpenrepublik. Burschenschafter, die sich in einer politischen Partei organisieren, tun das in Österreich so gut wie ausschließlich in den Reihen der "Freiheitlichen Partei" – sofern sie sich nicht überhaupt rechtsextremen Splittergruppen anschließen.

"In Summe stehen die österreichischen Burschenschaften sicher rechts von den deutschen", erklärt der Autor. "Das liegt vor allem daran, dass sie politisch-ideologisch weit weniger heterogen sind. In Deutschland gibt’s doch eine gewisse Streuung, von liberalen bis hin zu rechtsextremen Positionen. In Österreich stehen und standen die Verbindungen seit 1945 immer und weitgehend geschlossen am rechten Rand des Verbindungswesens."

Faktenreiche Studie

Seriöse Untersuchungen über das völkische Korporiertenwesen in Österreich sind dünn gesät, was vor allem auf die dürftige Quellenlage zurückzuführen ist. Bernhard Weidingers faktensatte Studie schließt diese Lücke, indem sie die Geschichte der österreichischen Burschenschaften in hunderten und aberhunderten von Selbst- und Fremdzeugnissen interpretierend aufarbeitet.

Weidinger räumt in seinem Buch mit einigen Mythen auf. Deutschnationale Burschenschafter brüsten sich zum Beispiel gerne mit der Feststellung, dass ihre Verbindungen in der Zeit des Nationalsozialismus verboten waren; daraus leiten sie für sich eine Art Widerstandskämpfer-Bonus ab. Bernhard Weidinger rückt die Dinge zurecht:

"Das Verbot der Burschenschaften ist zum einen ein vielgepflegter Mythos, zum anderen ist es nicht ganz falsch. Tatsächlich wurden die Burschenschaften 1938 aufgelöst, allerdings wurde den völkischen Verbindungen die Möglichkeit, sich über den ‚Nationalsozialistischen deutschen Studentenbund‘ in die Strukturen des Regimes zu integrieren – eine Möglichkeit, die liberalen, katholischen und jüdischen Verbindungen nicht gegeben wurde."

Ob in Salzburg, Graz oder Wien: Arminen, Cherusker und Teutonen – in der Regel stramme Unterstützer des NS-Regimes – konnten ihre Mensuren auch im "Dritten Reich" ausfechten, zumindest bis zum Beginn des Russlandfeldzugs, der burschenschaftliche Aktivitäten dann allerdings zur Gänze zum Erliegen brachte. Grundsätzlich waren die "ostmärkischen" Burschenschaften so etwas wie die Kerntruppen des österreichischen Nationalsozialismus. Ernst Kaltenbrunner, Leiter des Reichssicherheitshauptamts in Berlin, war "Alter Herr" der "Arminia Graz", Hugo Jury, Gauleiter von Niederdonau, hatte in seiner Jugend in der "Ghibellinia Prag" gefochten und Friedrich Rainer, Gauleiter von Kärnten und Salzburg, in der Grazer Verbindung "Ostmark".

"Es war aber nicht nur eine starke Beteiligung an der Spitze des Regimes feststellbar, sondern durchaus auch an der Basis. Michael Gehler hat für die Innsbrucker Burschenschaften Parteimitglieds-Anteile von an die achtzig Prozent erhoben", so Weidinger.

80 Prozent waren Mitglieder der NSDAP

Das heißt: Achtzig Prozent aller deutschnationalen Burschenschafter in Innsbruck waren Mitglieder der NSDAP, eine Zahl, die repräsentativ für Gesamt-Österreich sein dürfte. Nach 1945 kam das völkische Burschenschafterleben nur langsam wieder in Schwung, im Lauf der Zeit aber organisierten sich doch wieder einige tausend junge Männer – von ihrer biographischen Prägung her oft aus nationalsozialistischen Familien stammend – in den diversen Verbindungen. "Ehre, Freiheit, Vaterland", der Wahlspruch der Jenaer Urburschenschaft von 1815, markiert die Wertetrias der Korporierten bis heute. Dass mit "Vaterland" nicht die Republik Österreich gemeint ist, versteht sich in der korporierten Sicht der Dinge von selbst.

"Es hat in burschenschaftlichen Kreisen nach 1945 immer Debatten gegeben, wie der Vaterlandsbegriff zu fassen sei", erklärt Weidinger. "Die Österreicher standen in dieser Frage immer geschlossen auf derselben Position, nämlich, dass der Vaterlandsbegriff ein volkstumsbezogener zu sein habe, worunter man im Wesentlichen eine Vorstellung des 'deutschen Vaterlands' verband, das mit den historischen Siedlungsgebieten von Deutschsprachigen in eins fällt. Das war in jedem Fall ein 'Vaterland', das nicht mit den Grenzen der heutigen BRD und natürlich schon überhaupt nicht mit den Grenzen Österreichs übereinstimmt. Es wurden und werden in Teilen der Burschschaften bis heute Gebietsansprüche mehr oder weniger verklausuliert erhoben auf Südtirol, das Elsass und die sogenannten Ostgebiete."

Mit parlamentarischer Demokratie vereinbar?

Wie sehr lässt sich burschenschaftliche Ideologie mit den Prinzipien der parlamentarischen Demokratie vereinbaren? Bernhard Weidinger sieht das differenziert: "Grundsätzlich ist zu sagen, dass die extreme Rechte insgesamt aber auch die Burschenschaften sich mit der parlamentarischen Demokratie als Form weitgehend arrangiert haben. Die parlamentarische Demokratie wird nicht mehr abgelehnt. Die spannendere Frage aber ist, wie man es mit der Demokratie auf inhaltlicher Ebene hält, und da stelle ich fest, dass es zumindest gewisse Spannungsfelder gibt, die es legitim machen, dass man zumindest von einer Demokratie-Skepsis sprechen kann. Ein Punkt wäre der burschenschaftliche Elitarismus, mit dem man auch ein gewisses Ressentiment gegen 'die Masse', also letztlich den demokratischen Souverän verbindet. Ein zweiter Punkt wäre der völkische Nationalismus und damit verbunden die Infragestellung des Gleichheits-Postulats."

Manche Völker, vor allem die "germanischer" Abkunft, sind aus burschenschaftlich-nationalistischer Sicht der Dinge "minderwertigeren, weniger durchsetzungsfähigen Völkern" überlegen. Der dritte Punkt, der die völkischen Burschenschaften in ein Spannungsfeld zu demokratischen Prinzipien bringt, ist das Strukturprinzip des Männerbunds.

"Versündigung an der Natur"

"Ich gehe grundsätzlich davon aus, dass das Männerbündische neben dem völkischen Nationalismus den Wesenskern der Burschenschaften darstellt", so der Autor. "Das Männlichkeitsbild der Burschenschaften kreist um Werte wie Stärke, Durchsetzungsfähigkeit, Härte. Weiblichkeit wird in Verbindung gebracht mit Schwäche und Abhängigkeit. Und vor dem Hintergrund dieser rigiden Geschlechterbilder gelten feministische und emanzipatorische Bestrebungen im burschenschaftlichen Denken als 'Versündigung an der Natur'. Und als Ausdruck und Motor eines gesellschaftlichen Niedergangs. Auch alle Ansätze zur Veruneindeutigung von Geschlechtsidentitäten werden als Zeichen von Dekadenz und gesellschaftlichem Verfall gewertet." Deklarierte Conchita-Wurst-Fans wird man unter den Grazer "Arminen" oder den Innsbrucker "Teutonen" wohl nur in Ausnahmefällen finden.

Bernhard Weidingers Buch ist vom Sprachduktus her streng wissenschaftlich gehalten, was es zu einer streckenweise doch recht spröden Lektüre macht. Zugleich beeindruckt die Studie durch die Fülle an Material, die der 32-jährige Zeithistoriker in jahrelanger Kleinarbeit zusammengetragen hat. Wer sich mit Geschichte und Gegenwart des österreichischen Verbindungswesens auseinandersetzt, wird um Bernhard Weidingers Studie auf absehbare Zeit nicht herumkommen.

Service

Bernhard Weidinger, "Im nationalen Abwehrkampf der Grenzlanddeutschen - Akademische Burschenschaften und Politik in Österreich nach 1945", Böhlau Verlag, Wien

Buchpräsentation am Donnerstag, den 15. Jänner um 19:00 Uhr in der Aula im Alten AKH, Universität Wien, Spitalgasse 2-4, Hof 1, 1090 Wien