Unser größtes Verteilungsproblem
Der Hunger
Der argentinische Journalist Martin Caparros hat Menschen in Afrika, Indien, Argentinien, Bangladesh, den Vereinigten Staaten von Amerika und Madagaskar getroffen und beschreibt auf mehr als 800 Seiten ihre Daseinsumstände so penibel, dass man sich in einem Film wähnt. Dem Autor gelingt es, den Hunger einer konkreten, spürbaren Bedrohung zu machen.
8. April 2017, 21:58
Kontext, 08.01.2016
Jeden Tag sterben mehr Menschen an Hunger als an Aids, Tuberkulose und Malaria zusammen, schreibt der Autor. Die Ernährungs- und Landwirtschafts-organisation der Vereinten Nationen, die FAO, verzeichnet auf ihrer Homepage 793 Millionen hungernde Menschen weltweit. Martin Caparros traut den veröffentlichen Zahlen nicht.
Egal ob in Niger, Bangladesh, Indien oder im jüngsten Staat - dem Süd-Sudan, der Hunger macht aus Menschen apathische, kampflose Wesen. Martin Caparros hat mit Hungernden gesprochen, hat versucht mit ihnen zu diskutieren und war letztendlich – wie er schreibt - überrascht, dass die Menschen nicht aufbegehren.
Diese persönliche Einstellung taucht bereits im ersten Drittel des Buches auf und sie begleitet den Leser bis zum Schluss. Der präzis vorbereitete Autor Caparros wird dadurch zum mitfühlenden Menschen. Er reflektiert die gesammelten Fakten und stellt sich mit dem Leser emotional auf dieselbe Stufe.
Das macht die Lektüre so spannend, denn trotz aller negativer Information trifft sie ins Herz. Das Buch bringt Wissen, aber nicht nur. Es veranlasst auch, einmal kräftig zu seufzen und sich vorzustellen, dass dies neben dem Autor auch noch hunderte andere tun, um gemeinsam die schulterzuckende Agonie zu bekämpfen. Martin Caparros' Position ist klar. Hunger ist hauptsächlich ein Verteilungsproblem.
Service
Martin Caparros, "Der Hunger", Suhrkamp Verlag