Irina Margareta Nistor

AP/VICTORIA WILL

Irina Margareta Nistor - Die Stimme der Filme

Irina Margareta Nistor, Jahrgang 1957, ist heute Rumäniens bekannteste und umtriebigste Filmkritikerin.

Für abertausende ihrer Landsleute, die ihre Kindheit oder Jugend in den 1980er und 90er Jahren durchlebten, ist sie aber einfach "Die Stimme der Filme". Und zwar verbotener Filme, die in den letzten Jahren des Regimes Ceausescu illegal ins Land geschmuggelt wurden. Zumeist Hollywood-Blockbuster und B-Movies aus westeuropäischen Videotheken, die man heimlich, nachts ins Rumänische übersetzte, auf VHS-Kassetten vervielfältigte und am Schwarzmarkt vertrieb. Und fast alle dieser Filme hatten eine Gemeinsamkeit: Irina Nistors Synchronstimme.

Die Rumänin Irina Nistor overvoiced "Police Academy 7"

Anfang und Ende des liberalen staatlichen Rundfunks

Wir schreiben 1980. Irina Nistor ist 23 Jahre alt und hat soeben ihr Studium in English und Französisch mit einer Arbeit über "Jean Cocteau und die Poetik des Kinos" abgeschlossen. Mit Dallas war ein Jahr später aber auch schon wieder Schluss. Die Serie steht am Anfang der Karriere Irina Nistors beim Fernsehen und markiert zugleich das Ende einer relativ liberalen Periode im staatlichen Rundfunk.

Übersetzerin für den Schwarzmarkt

Ab 1980 tritt das rumänische Fernsehen in seine totalitäre Phase und wird am Personenkult der Familie Ceausescu ausgerichtet. Zudem verordnet der Diktator dem Land ein drakonisches Sparprogramm. Auch der Rundfunk bleibt nicht verschont. Radiosender werden geschlossen, aus zwei Fernsehkanälen wird einer, das TV-Programm sukzessive auf 2 Stunden an Werktagen und 4 Stunden an Wochenenden gekürzt. Das befeuerte zwei Industrien im Untergrund: Eine für leistungsstarke Empfangsantennen um Fernsehen und Radio aus den Nachbarländern zu empfangen. Zum anderen blüht der Handel mit geschmuggelten Videofilmen aus dem Westen auf. Und 1985 bekommt Irina Nistor ein risikoreiches Angebot, dem sie aber nicht widerstehen kann: Jemand vom Schwarzmarkt sucht eine Übersetzerin um verbotene Videofilme zu synchronisieren.

"Chuck Norris und der Kommunismus", Filmstill

"Chuck Norris und der Kommunismus", Filmstill

VERNON FILMS

Synchronsprecherin zwischen Geheimpolizei und Spitzeln

Jeden Nachmittag unmittelbar nach ihren Bürozeiten beim Fernsehen arbeitet Irina Nistor im Haus von Teodore Zamfir. Übersetzt drei, vier manchmal bis zu sechs Filme am Stück. Verleiht allen Charakteren ihre Stimme, gleich ob Mann, Frau, Kind oder Zeichentrickfigur. Nacht für Nacht. Und das im repressiven, paranoiden Klima einer von Geheimpolizei und Spitzeln durchsetzten Gesellschaft.

Fenster in den Goldenen Westen

Der Schwarzmarkt für verbotene Videofilme explodiert. Ausgehend von Bukarest verbreitet sich das Phänomen in ganz Rumänien. In den kleinen Apartments der uniformen Wohnblocks entstehen regelrechte Fernsehkinos in denen man ganze Nächte vor dem Bildschirm verbringt. Die Filme werden zum imaginären Fenster in den Goldenen Westen. Zamfir baut ein weitverzweigtes Vertriebsnetzwerk und ein stattliches Kopierwerk auf.

"Chuck Norris und der Kommunismus"

Die Securitate beschattete Nistor und ihren Auftraggeber. Sie zapfte Telefone an und protokollierte Konversationen wo es um Videokassetten und die Arbeit für Zamfir ging, weiß Ilinca Calugareanu. Die Regisseurin, Jahrgang 1981, ist mit Irina Nistors Stimme aufgewachsen. Dem VHS-Phänomen und ihrer "Video-Nanny" hat sie ihr Dokumentarfilmdebüt "Chuck Norris und der Kommunismus" gewidmet.

Schmuggel und Bestechung

Alleine zwei bis drei Kubikmeter VHS-Leerkassetten schmuggelt Teodor Zamfir pro Woche ins Land. Und das ist eine konservative Schätzung. Es müssen viele Hände geschmiert und Gefälligkeiten erwiesen werden, damit beide Augen der Behörden fest geschlossen blieben und sich erst vor dem Fernsehschirm wieder öffnen. Von Zamfir soll der Legende nach sogar Nicu der jüngere Sohn Ceausescus Videos bezogen haben.

Die inszenierte Volksversammlung

"Hallo, Hallo. Genossen. Genossen. Ruhe. Bleibt auf euren Sitzen." - beschwört ein sichtlich verblüffter Nicolae Ceausescu die aufgebrachte Menge. Aber die Genossen hörten nicht mehr. Wollten nicht mehr still sein am 21. Dezember 1989. Sitzen schon gar nicht, wie auch? Es gab keine Stühle. Sie standen alle. Zu tausenden vor dem Palast des Zentralkomitees in Bukarest. Herbeigerufen von Ceausescu, dem "Conducator", dem Führer selbst. Vor Ceausescus Augen kippt die inszenierte Volksversammlung. Schlägt um in Revolution. An diesem Dezembertag verliert der Titan, der "Sekulare Gott", das "Genie der Karpaten" sein Gesicht. Live, übertragen vom Staatsfernsehen. Vier Tage später wird er tot sein. An diesem 25. Dezember - dem rumänisch-orthodoxen Weihnachtstag - bekommt dafür jemand anders ein öffentliches Gesicht. Nämlich Irina Nistor, die geheimnisvolle Stimme der Filme.

Damit war aber noch nicht Schluss, denn auch das post-kommunistische Videogeschäft boomt.