Ein Basejumper schwebt über der Stadt

AFP/MOHD RASFAN

Die Jagd nach dem Außergewöhnlichen

Wir leben in einer "Gesellschaft der Singularitäten", in der nicht mehr das Allgemeine als oberster Wert gilt, sondern das Außergewöhnliche, Singuläre. So lautet die These des in Frankfurt an der Oder lehrenden Soziologen Andreas Reckwitz, die er in seiner gleichnamigen umfangreichen Studie entfaltet.

"Die Gesellschaft der Singularitäten" ist das Ergebnis eines Transformationsprozesses, der in den Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts eingesetzt und einen gesellschaftlichen Strukturwandel bewirkt hat. Während die Moderne eine möglichst homogene Gesellschaft anstrebte, in der sich das Leben der Menschen an allgemein gültigen Werten orientierte, wird in der spätmodernen Gesellschaft der Individualität Priorität eingeräumt.

Das Ziel besteht darin, das Leben zu einem einzigartigen Kunstwerk zu formen, das sich vom Standard des Normalen abhebt.

Unsere Gesellschaft ist längst einer Dynamik unterworfen, in der vor allem diejenigen Aufmerksamkeit erhalten, die sich als etwas Besonderes inszenieren. Gefragt ist der Spezialist des Genießens, der sein Leben, finanziert durch einen gut dotierten Beruf, als Abfolge von speziellen Reisen, extravaganten Speisen und Weinen und dem Besuch von kulturellen Veranstaltungen arrangiert.

Das Ziel besteht darin, das Leben zu einem einzigartigen Kunstwerk zu formen, das sich vom Standard des Normalen abhebt. Die "Einzigartigen" sind die Nutznießer eines "Kulturkapitalismus", der durch Kreativindustrien wie digitale Medien, Design, Musik, Tourismus oder Sport vorangetrieben wird.

Die Protagonist/innen eines singulären Lebensstils fühlen sich als strahlende Sieger/innen der Spätmoderne

Entscheidend ist ihr Erlebniswert, den man an vielen Phänomenen beobachten kann. Die Singularisierung zeigt sich zum Beispiel an Formen des Tourismus. Viele Menschen wollen nicht mehr einen Standardurlaub, sondern Reisen, die ein singuläres Erlebnis vermitteln. Es geht nicht mehr um den Urlaub von der Stange, sondern um die einzigartige Erlebnistour; genau das wird von der neuen Klasse mit ihrem Selbstverwirklichungsanspruch nachgefragt.

Die Protagonist/innen eines singulären Lebensstils, die hochqualifizierten Tätigkeiten in der Wissens- und Kulturökonomie nachgehen, fühlen sich als strahlende Sieger/innen der Spätmoderne. Sie distanzieren sich von der "neuen Unterklasse", die sich aus Arbeitslosen und Sozialhilfeempfänger/innen zusammensetzt.

Es ist dies die Gruppe der Marginalisierten, die sich aus finanziellen Gründen nicht an dem gesellschaftlichen Spektakel beteiligen können; als "gesellschaftlich Abgehängte" sind sie Zaungäste der Performance der Einzigartigen, die ihnen noch dazu das Gefühl vermitteln, eine Belastung zu sein.

Die alte Mittelklasse ist nicht mehr die tonangebende Mitte der Gesellschaft, sondern sieht sich zwischen der elitären Schicht der "Außergewöhnlichen" und "neuer Unterklasse".

Die soziale Deklassierung betrifft nicht nur die "neue Unterklasse", sondern auch die Menschen, die in der Industriegesellschaft die Mittelklasse gebildet haben. Die spätmoderne Gesellschaft wird somit zu einer Drei-Drittel-Gesellschaft. Die alte Mittelklasse gerät seit den 1980er Jahren in die Defensive. Sie ist nicht mehr die tonangebende, scheinbar alternativlose Mitte der Gesellschaft wie in den 1950er bis 1970er Jahren, sondern sieht sich zwischen der elitären Schicht der "Außergewöhnlichen" und "neuer Unterklasse".

Und diese Kluft zwischen Außergewöhnlichen und Marginalisierten birgt ein erhebliches Konfliktpotenzial, das Reckwitz in seinem Buch analysiert. Er entwickelt keine Theorie über andere Theorien, sondern entfaltet eine Gesellschaftstheorie, die sich an der sozialen Realität orientiert. Er verbindet Theorie und Empirie und schafft einen Knotenpunkt in einem offenen Netzwerk, der als Ausgangspunkt für weitere Studien zu dieser Thematik dienen kann.