Gilbert Handler, Arthur Werner, Thomas Kamper

YASMINA HADDAD

Elfriede Jelineks "Raststätte" im Werk X

Bei der Uraufführung am Wiener Burgtheater erhitzte Elfriede Jelineks Satyrspiel "Raststätte oder Sie machens alle" 1994 die Gemüter. Fast 25 Jahre später ist das erotische Verwechslungsspiel nicht weniger aktuell, findet Regisseurin Susanne Lietzow und bringt es in einer Neuinszenierung auf die Bühne des Werk X.

Die ewige Jagd nach dem ultimativen Sexerlebnis

Auf der Suche nach einem unvergesslichen erotischen Abenteuer haben zwei steirische Hausfrauen eine Annonce geschaltet - und vielversprechende Antwort bekommen: Zwei als Tiere verkleidete Männer wollen der sexuellen Unterversorgung anonym und unverbindlich mit "tierisch gutem Sex" beikommen. Treffpunkt: die Toilette einer Kärntner Raststätte.

Kulturjournal | 10 04 2018

Judith Hoffmann

Doch der Raststättenbetreiber, eine schmierige Figur in Lodenjacke und rotem Stringtanga, bringt die Ehemänner dazu, selbst in die Kostüme von Elch und Bär zu schlüpfen, um sich unter dem Deckmantel der Anonymität hemmungslos ihren Trieben hinzugeben.

Was folgt, ist ein absurdes erotisches Verwechslungsspiel nach der Vorlage von "Così fan tutte", das in vorhersehbaren Enttäuschungen und nicht weniger absehbaren allseitigen Läuterungen endet.

Zwischen Sichtbeton und Herzerl-Mistkübel

Lietzow hat die Raststätte als überdimensionale Arena angedeutet, an deren Sichtbetonwänden halbverrostete, leere Mistkübel in Herzform hängen, während der Boden zwischen den billigen Barhockern mit Abfall übersät ist. Immer wieder taucht ein schlanker Mann in kurzen Lederhosen auf, der seine stimmakrobatischen Übungen entlang großer Popschnulzen absolviert.

Ins Zentrum dieser abgeschmackten Trostlosigkeit stellt Lietzow ganz bewusst den Text, der in monumentalen Sprachgebilden zwischen Stammtischfloskeln und abgekupferten PR-Slogans alle Abstufungen zwischenmenschlicher Unzulänglichkeiten verhandelt.



Ein Text voller Jelinek'scher Vorahnungen

Hinter der Abstraktion der sprachlichen Bilder treten auch 24 Jahre nach der Uraufführung Themen von erstaunlicher Aktualität zutage, sagt die Regisseurin: "Sie hat vieles schon vorausgeahnt", und Lietzow verweist etwa auf den Drang nach permanenter Selbstoptimierung oder auf die manipulierende Wirkung der Pornoindustrie, aber auch auf die zunehmende Entfremdung vom eigenen Körper und von der Natur.

So stapfen die Figuren in ihrer lüsternen Unsicherheit durch die Raststätte, von Kopf bis Fuß mit Funktionskleidung ausstaffiert und mit Sportgeräten aller Art beladen. Die Outdoor-Aktivitäten werden zum einzig greifbaren Mittel körperlicher Befriedigung und Bestätigung.

Keine Besserung in Sicht?

Doch bei aller Ehrfurcht vor Jelineks Sprache und ihrer visionären Gesellschaftsanalyse will Lietzow die pessimistische Sicht der Autorin nicht uneingeschränkt teilen: "Ich sehe die Entwicklung zweigeteilt. Zum einen ereignet sich ein Rechtsruck und damit einhergehend verstärkte Frauenfeindlichkeit, zum anderen sehe ich vor allem bei jungen Menschen eine ganz andere Selbstverständlichkeit von Emanzipation. Ich hoffe, sie ziehen in die richtige Richtung, und wir mit ihnen."

Bis dahin bleibt Jelineks absurd-komisches Sittenbild "Raststätte oder sie machens alle" wohl noch eine Weile aktuell.

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