Befreiungsdenkmal Innsbruck, Tirol

Es kommt vermutlich nicht oft vor, dass Skateboarder im öffentlichen Raum weniger Teil des Problems als vielmehr Teil der Lösung sind. In der 70-jährigen Geschichte des Innsbrucker Landhausplatzes, der eigentlich schon seit langem Eduard-Wallnöfer-Platz heißt, waren sie die ersten, die ihn mit echtem Leben erfüllt haben, und sie dürfen das inzwischen sogar ganz legal. Möglich gemacht hat dies die komplette Neugestaltung des Platzes im Jahr 2011 durch die Architektengemeinschaft LAAC/Stiefel Kramer und den Künstler Christopher Grüner. Sie schufen eine künstliche, dreidimensionale Landschaft, in der die einzelnen Denk- und Mahnmale auf dem Platz erstmals zueinander in Beziehung gesetzt wurden.

Eduard-Wallnöfer-Platz

Eduard-Wallnöfer-Platz

GÜNTER RICHARD WETT

Gedenkort mit Ungereimtheiten

Michael Neuhauser

Eduard-Wallnöfer-Platz

GÜNTER RICHARD WETT

Eduard-Wallnöfer-Platz

In den Dekaden davor wurde der Ort sowohl von der Tiroler Politik als auch der Bevölkerung recht stiefmütterlich behandelt, nicht zuletzt wegen ihrer zwiespältigen Beziehung zum Befreiungsdenkmal, das den Platz zentral dominiert. Schließlich war ja auch ihre Beziehung zur NS-Vergangenheit für viele Tiroler und Tirolerinnen eine zwiespältige. Und auch wenn es nach dem Krieg manche versuchten – wirklichen Widerstand gegen die NS-Herrschaft konnten nur die wenigsten reinen Gewissens für sich verbuchen.

Errichtet wurde das Denkmal zwischen 1946 und 1948 auf Kosten und Initiative der französischen Militärregierung und nach Plänen des französischen Architekten und Designers Jean Pascaud. Seine Idee, die Form des monumentalen Eingangsportals des Landhauses aufzunehmen und im Denkmal widerzuspiegeln, darf als Themenverfehlung betrachtet werden, schließlich wurde dieses Gebäude 1938/1939 von den Nationalsozialisten als Gauhaus errichtet. So stehen sie sich nun also gegenüber: der ehemalige faschistische Gauhausbau – Symbol für Unterdrückung und Diktatur – und das antifaschistische Symbol für Widerstand und Befreiung in Form des in seinem Erscheinungsbild ebenfalls faschistisch anmutenden Befreiungsdenkmals.

Auch die Tiroler, denen die Franzosen bei der Detail-Gestaltung des Denkmals viel Freiraum ließen, haben bewusst oder unbewusst dazu beigetragen, die wahre Widmung des Bauwerks zu verschleiern. Nicht jeder beherrscht das Lateinische gut genug, um die Inschrift an der Attika des Denkmals auch zu verstehen und richtig zu deuten: "PRO LIBERTATE AUSTRIAE MORTUIS" – da kann schnell einmal der Eindruck entstehen, es handle sich um ein Kriegerdenkmal für die gefallenen Soldaten des Zweiten Weltkriegs. Und tatsächlich wurde es ab den 1950er-Jahren, als derartige Kriegerdenkmäler üblich wurden, auch von vielen als solches verstanden oder uminterpretiert, falls sie es nicht schon zuvor als "Franzosendenkmal" abgetan hatten in der Überzeugung, es sei ein französisches Siegessymbol.

Es war der Tiroler Landeskonservator Oswald Trapp, der auf einer lateinischen Inschrift bestanden hatte, statt der von den Franzosen geplanten deutschen: "DEN FÜR DIE FREIHEIT ÖSTERREICHS GESTORBENEN" – das waren eben gerade nicht die Soldaten der Wehrmacht, sondern die im Widerstand gegen das NS-Regime von den Nationalsozialisten ermordeten Menschen. Aber auch dazu gab es ein etwas missverständliches Narrativ: auf den schmiedeeisernen Gittern zwischen den Säulen des Denkmals wurden die Wappen der neun Bundesländer in Kreuzesform angeordnet. Das konnte den Eindruck erwecken, als sei der Widerstand gegen die NS-Herrschaft in Tirol eine ausschließliche Leistung des katholisch-konservativen Lagers gewesen.

Inzwischen sind einige dieser Ungereimtheiten rund um das Befreiungsdenkmal behoben. Die Inschrift ist mittlerweile sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch, Französisch und Russisch am Denkmal zu lesen, und die Namen der bekannten und unter der wissenschaftlichen Leitung des Historikers Horst Schreiber beforschten Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfer werden an der Seite des Denkmals aufgelistet – in nicht-alphabetischer Reihenfolge, denn es können ja noch welche dazukommen. Die von Beginn an mit Scharnieren versehenen fünf Eisengitter mit den Wappen der Bundesländer in Kreuzesform wurden in der Neukonzeption von Christopher Grüner 2011 geöffnet, um ohne destruktiven Eingriff symbolisch Raum zu geben für die zahlenmäßig weitaus größeren Gruppen an Widerständigen, die nicht dem katholischen Umfeld zuzurechnen sind. Doch ganz scheint die zwiespältige Geschichte Tirols mit seinem Befreiungsdenkmal noch immer nicht abgeschlossen: 2013 hat die für die Liegenschaften des Landes zuständige Landesrätin Patrizia Zoller-Frischauf (ÖVP) die Gitter wieder schließen lassen.

Service

Horst Schreiber, Christopher Grüner (Hrsg.) "Den für die Freiheit Österreichs Gestorbenen. Das Befreiungsdenkmal in Innsbruck. Prozesse des Erinnerns", Universitätsverlag Wagner, Innsbruck 2016

Eduard-Wallnöfer-Platz

erinnern.at – Nationalsozialismus und Holocaust: Gedächtnis und Gegenwart

Horst Schreiber über das Befreiungsdenkmal Innsbruck

Gestaltung

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