Mann mit roten Kopfhörern

BERNHARD POPPE, dform

Pod schütze Österreich

Eine "performativen Installation zwischen Radiokunst und Podcast" präsentieren die Wiener Festwochen noch bis zum 20. Mai: "Pod schütze Österreich" heißt das Kunstprojekt, das täglich ab 18.00 Uhr auf Sendung geht. Von einem Studio bei der Bau.Stelle Parlament aus wird damit in sieben Episoden die Tradition der politischen Rede zur Lage der Nation aufgegriffen und wiederbelebt.

Der Ort ist gleichermaßen symbolisch wie geschickt gewählt geht es doch in "Pod schütze Österreich" um nichts weniger als um ein Rückgrat der Demokratie: die Souveränität von Staaten und Bürgern. Bebildert wird das Ganze mit dem diktatorisch regierenden Kanzler des österreichischen Ständestaates Kurt Schuschnigg, dessen berühmte Rede im März 1938 mit den Worten "Gott schütze Österreich!" endete. Die Installation ist also auch ein Statement im Gedenkjahr, das Dringlichkeit und Gefahr suggeriert.

Es knistert und kracht als der diktatorisch regierende Kanzler des österreichischen Ständestaates am 11. März 1938 um 19.47 Uhr zu seiner Rede anhebt. Mit zittriger Stimme und spürbar brüchiger Souveränität spricht Schuschnigg ins leere Kanzlerzimmer hinein. Keine drei Minuten dauert die Rede. "Wenn man sich diese Reden anhört, dann hört man in der Grammatik und auch in der Stimme den Entzug der Souveränität auf eine körperliche Art - das hat uns interessiert", meint Kurator Alexander Martos.

Drei Minuten Schuschnigg

Es passt, dass sich das Studio des Projekts bei der offiziell so betitelten Bau.Stelle Parlament befindet. Sieben Episoden gibt es, jeweils um 18.00 Uhr ausgestrahlt, und das nicht nur im Netz, sondern auch an drei Hörstationen in Wien.

Für Kurator Alexander Martos befindet sich die politische Idee der Souveränität in Auflösung. "Heute sehen wir genau dieses Nebeneinander von Algorithmen, von Eurogruppen, die in Länder einmarschieren und dort den Bankomat abdrehen", meint Martos. "Wir sehen plötzlich wieder eine Vielfalt von Machtfaktoren, aber nur der alte, morbide Nationalstaat ist tatsächlich demokratisch legitimiert. Der Rest macht, was in den eigenen Interessen liegt."

"Wir wollen ans Ohr gelangen"

Die Wahl des Mediums ist hier eine ebenso bewusste wie deutliche Aussage. Sie zitiert nicht nur die Bedeutung des Radios zur Zeit Schuschniggs. Radio ist heute kommunikatives Slow-Food, und damit ideale Bühne für Austausch und das Abwäge von Argumenten, die länger als das Twitter-Stakkato sein dürfen.

"Wir wollten nicht das Bild haben, sondern ans Ohr gelangen. Wir wollen die Diskussion und den Dialog stärken. Das Thema der Souveränität soll alle wieder an den Tisch zurückholen", meint dazu Martin Gasteiner von "Pod schütze Österreich".

Wissenschaft ist keine Kindersprache

Zwanzig Minuten in etwa sollen die Reden dauern. Sprechen werden Wissenschaftler, die ihre Erkenntnisse im Gewand der politischen Rede präsentieren. Es wird um Europa gehen, um die Finanzmärkte, um Terrorismus und Nationalismus - allesamt umkämpfte Spielfelder im modernen Souveränitätsschach. Noch etwas ist Kurator Martos wichtig - ein sprachliches Aufeinanderzugehen, denn "man kann die Wissenschaft nicht nötigen, eine Kunst-, oder eine populäre Kindersprache zu entwickeln, die ihre Themen nicht mehr repräsentiert, dann wären wir alle albern".

Der Küchentisch, an dem zur Zeit Schuschniggs gebannt ums Radio versammelt, politischen Reden gelauscht wurde, ist längst dem Smartphone gewichen. Für viele sind Podcasts ihr ganz persönlicher Radiosender, passgenau auf die eigenen Interessen zugeschnitten und individualisiert. Dieses mediale Update will das Projekt als Bühne für eine ebenfalls erneuerte Diskussion um die Zukunft unseres Gemeinwesens nützen. Die Festwochen also als moderner Küchentisch, auf dem politisch drängende Fragen kredenzt werden.

Service

Zu hören sein ist "Pod schütze Österreich" jeweils ab 18.00 Uhr auf Wiener Festwochen, Radio Orange 94.0 und an ausgewählten Hörstationen in Wien. Ab 28. Mai gibt es die sieben Folgen auch zum Download.

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