Collage

THEATER ZUM FÜRCHTEN

Theater zum Fürchten

"Karl MayBe" im Mödlinger Bunker

Jedes Jahr im Sommer entsteht in einem ehemaliger Luftschutzstollen in Mödling bei Wien, ein dunkles Universum der Phantasie. Höchst erfolgreich betreibt hier der Theaterleiter Bruno Max seit vielen Jahren sein "Theater zum Fürchten im Bunker". Das Stationentheater, bei dem man in Kleingruppen durch das Stollensystem geführt wird, ist jeweils einem Dichter oder einem Thema gewidmet, heuer ist das der deutsche Abenteuerschriftsteller Karl May, bei dem Fiktion und Wirklichkeit oft ziemlich durcheinandergerieten. "Karl MayBe" hat am Sonntag Premiere.

Mittagsjournal | 10 08 2018

Katharina Menhofer

Kulturjournal | 10 08 2018 | Besuch in der Ausstattung

Katharina Menhofer

Das werden keine Winnetou-Spiele, verspricht Intendant Bruno Max, dem statt der weiten, sonnigen Prärie ein enges, kaltes Tunnelsystem als Spielort zur Verfügung steht. Der optimale Ort, um die dunklen und ambivalenten Seiten des Schriftstellers Karl May auszuloten, an dem Bruno Max mehr Interesse zeigt, als an den Geschichten vom edlen Wilden.

"Ich bin eigentlich kein richtiger Karl-May-Fan, aber was mich fasziniert, ist die absurde Lebensgeschichte, die er gehabt hat", so Bruno Max.

Beginn als Kleinkrimineller

Die Lebensgeschichte beinhaltet eine Arme-Leute-Kindheit als sächsischer Weberssohn, eine verpfuschte Lehrerkarriere, die er wegen Diebsstahls nicht fortsetzen konnte, ein Leben als Kleinkrimineller, Dieb von Kerzen, Billardkugeln und Pelzmänteln, Dokumentenfälscher und Betrüger bis hin zur zu einer langen Haftstrafe und einer Neuerfindung als Abenteuerschriftsteller.

Münchhausensyndrom

Vielleicht war es eine Form von Eskapismus und Flucht vor dem eigenen, in die schiefe Bahn geratenen Leben, die für May Antrieb waren, sich weit weg zu phantasieren. Aber Bruno Max vermutet auch das sogenannte "Münchhausen-Syndrom" dahinter, also das Bedürfnis, Geschichten zu erzählen und sich diese dann auch selbst zu glauben. 40 Sprachen will May laut eigener Angabe gesprochen haben (später waren es schon 1.200 Sprachen), er sei in Wirklichkeit Old Shatterhand und Befehlshaber über 30.000 Apachen.

Die wahren Abenteuer sind im Kopf

Nach diesem Motto entstanden Karl Mays unzählige Werke - darunter die "Winnetou"-Reihe, der Orientzyklus oder der "Schatz im Silbersee" - am Schreibtisch in Deutschland. Eine einzige Amerikareise - und die führte nach New York - ist belegt.

"Die Prärie hat er nie gesehen, aber er war an einem Nachmittag in einem Indianer-Reservat und hat sich dann auch dort mit einem alten Indianer fotografieren lassen. Das ist so als würde man in den Zigeunerbaron gehen wollen und sich in einer armen Roma-Siedlung wiederfinden. Er tut einem fast leid, weil Fantasie und Wirklichkeit aufeinanderprallen und keine Deckung mehr fanden", so Bruno Max.

Hitler als Karl-May-Fan

In Kleingruppen folgt das Publikum den Lebensstationen Karl Mays, in die immer wieder die Fantasie einbricht. Von der armen Weberhütte in die Wüste, vom Lehrerseminar ins Gefängnis, vom Gerichtssaal in den Dschungel. Es beginnt und endet in Wien 1912, wo May zehn Tage vor seinem Tod in den Sophiensälen und auf Einladung von Berta von Suttner einen Vortrag hielt - Titel: "Empor zum Reich der Edelmenschen", im Publikum ein junger mittelloser Ansichtskartenmaler.

"Es gibt die Überlieferung, dass sich Adolf Hitler in der Meldemannstrasse von einem Mitbewohner ein paar gute Schuhe ausgeborgt hat, damit er zum Vortrag von Karl May in die Sophiensäle gehen kann", so Bruno Max.

Ihm gelingt mit seiner liebevollen und doch nicht unkritischen Collage eine Annäherung an das Phänomen Karl May, der oszillierte zwischen Literatur und Schund, tiefster Armut und finanziellem Erfolg, mehreren Ehen und latenter Homosexualität, und der bis heute Germanistik-Doktoranden wie provinzielle Freiluft-Spektakel gleichermaßen inspiriert.

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Theater im Bunker - Karl MayBe

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