Weiße Fahnen mit der roten Aufschrift "Frankfurter Buchmesse"

FRANKFURTER BUCHMESSE

Georgien: Ein Land strebt nach Europa

Sowjeterbe und Plattenbauten, Diebesbanden, Korruption und wirtschaftliche Not gemischt mit Klischees vom wilden Kaukasus - das fällt wohl den meisten ein, wenn sie "Georgien" hören. Fakt ist: Georgien ist hierzulande weithin Terra incognita. Das soll sich jetzt ändern, wenn sich die Kaukasus-Republik im Oktober als Gastland der Frankfurter Buchmesse präsentiert. Die Vorbereitungen auf diesen Auftritt laufen seit vielen Monaten auf Hochtouren. Ö1 hat sich in Tiflis umgeschaut und umgehört - im "Kulturjournal" gibt es diese Woche einen Georgien-Schwerpunkt.

Morgenjournal | 17 09 2018
Kristina Pfoser

Lautstarke Chöre besingen auf dem Rustaveli-Prospekt in Tiflis die geogische Unabhängigkeit. Vor 100 Jahren hat Georgien erstmals eine unabhängige demokratische Republik ausgerufen und Anschluss an Europa gesucht. Aber die Eigenständigkeit dauerte nicht lange, knapp drei Jahre später marschierte die Rote Armee ein und blieb - bis zum Zerfall der Sowjetunion 1991.

Der Eiserne Vorhang, der die Kultur- und die Literaturszene vom Rest der Welt isoliert hat, ist in den Köpfen noch immer vorhanden, sagt Medea Metreveli, die für den georgischen Ehrengast-Auftritts in Frankfurt verantwortlich ist. "Georgien ist auch heute in einer schwierigen Situation. Bis heute sind Teile unseres Landes, Abchasien und Südossetien, von Russland besetzt. Aber wir orientieren uns zu 100 Prozent nach Europa. Und mit unserem Auftritt in Frankfurt wollen wir unterstreichen, dass Georgien ein unabhängiges Land ist, dass wir bereit sind, uns in europäische Strukturen zu integrieren."

Blick auf Tiflis

ORF/RAINER ELSTNER

Das neue Berlin ...

Keine Rede mehr von post-sowjetischer Verstaubtheit, betont auch die Direktorin des Goethe-Instituts in Tiflis, Barbara von Münchhausen, Georgien ist im Kommen. "Man spürt es in allen Bereichen, von der Literatur bis zur elektronischen Musik: Georgien vibriert. Tiflis wird auch 'das neue Berlin' genannt und die Jugend hier ist unglaublich aktiv, es ist eine ganz tolle, dynamische Atmosphäre in dieser Stadt."

Kulturjournal | 19 09 2018 | Archil Kikodze
Kristina Pfoser

Vor dem Parlamentsgebäude weht neben der georgischen Flagge die Fahne der EU. "Europa, was sonst", sagt auch der Autor Archil Kikodze, wie die meisten georgischen Intellektuellen befürwortet auch er eine klare Westbindung und Abgrenzung von Russland. Archil Kikodzes Roman "Der Südelefant", eine Zeitreise durch die letzten vier Jahrzehnte georgischer Geschichte, zählt zu den großen georgischen Neuerscheinungen in diesem Bücherherbst, so wie auch Davit Gabunias "Farben der Nacht", angesiedelt in der unmittelbaren georgischen Gegenwart mit all ihren Widersprüchen und Prägungen von sowjetischer Vergangenheit, westlicher Moderne und reaktionärer Orthodoxie.

Kulturjournal | 18 09 2018 | Davit Gabunia

Kristina Pfoser

Kulturjournal | 20 09 2018 | Das Nationalepos
Kristina Pfoser

Allerorten begegnet man in Georgien Schota Rustaveli - dem Dichter aus dem Mittelalter. Am Rustaveli-Flughafen in Tiflis, man fährt über den Rustaveli-Prospekt zum Rustaveli-Platz, es gibt ein Rustaveli-Theater, nicht zu vergessen die Rustaveli-Universität in Batumi und die zahlreichen Statuen. Rustaveli hat man schließlich das große Nationalepos zu verdanken, das man im deutschen Sprachraum unter dem Titel "Der Recke im Tigerfell" kennt. Der deutsche Autor und Germanist Tilman Spreckelsen, Literaturredakteur der FAZ, hat das Versepos aus dem 12. Jahrhundert jetzt nacherzählt - unter einem neuen Titel "Der Held im Pardelfell".

Präsidentenpalast mit Glaskuppel, davor Rike Park

Präsidentenpalast mit Glaskuppel, davor das Musiktheater und die Ausstellungshalle im Rike Park; rechts Sioni-Kathedrale.

ORF/RAINER ELSTNER

... und die alten Prägungen

"Die Kirche hat in Georgien leider den größten Einfluss auf das politische und soziale Leben", meint Davit Gabunia. "Laut Verfassung sind wir zwar ein säkulares Land, aber das stimmt nicht. Die Kirche ist in alles involviert und sie ist eine gefährliche konservative Institution mit wachsender Macht, die das Land in eine düstere Vergangenheit zurückzerren will." Ständig sei von dem komplexen Transformationsprozess die Rede, in dem sich das Land befinde, kritisiert Gabunia, "seit meiner frühen Kindheit ist von diesem gesellschaftlichen Umbruch die Rede und meine Kindheit liegt schon einige Zeit zurück. Ich frage mich mittlerweile, in welche Richtung wir uns überhaupt bewegen."

Nicht Umbruch, sondern Aufbruch ist jetzt einmal angesagt - nach Frankfurt geht es mit einer stolzen Zahl von 150 Übersetzungen, die in den vergangenen Jahren finanziell gefördert wurden. Sechs Millionen Euro lässt sich das immer noch recht arme Land mit seinen knapp vier Millionen Einwohnern den Messeauftritt kosten, verrät Medea Metreveli und: "wir haben schließlich viel zu erzählen". Metreveli ist Direktorin des Georgian National Book Center, das Federführend bei den Vorbereitungen für den Messeauftritt ist.

Kutlurjournal | 17 09 2018 | Gespräch mit Medea Metreveli
Kristina Pfoser

Service

Die Frankfurter Buchmesse findet vom 10. bis zum 14. Oktober 2018 statt.

Davit Gabunia, "Farben der Nacht", Roman, aus dem Georgischen von Rachel Gratzfeld, Rowohlt
Archil Kikodze, "Der Südelefant", Roman, aus dem Georgischen von Nino Haratischwili, Martin Büttner, Ullstein Verlag
Tilman Spreckelsen, "Der Held im Pardelfell - Eine georgische Sage von Schota Rustaweli", illustriert von Kat Menschik, Galiani Verlag

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