Jakob Elsenwenger, Schatten seiner Axt

RITA NEWMAN

"Schuld und Sühne" im Theater der Jugend

Kann ein Verbrechen wie Mord jemals gerechtfertigt sein? Diese Frage stellte der russische Autor Fjodor Dostojewski in seinem ersten großen Roman "Schuld und Sühne" aus dem Jahr 1866. Als Theaterstück für Jugendliche feiert der Weltliteratur-Klassiker heute Abend im Theater im Zentrum seine Uraufführung.

Der Direktor des Theaters der Jugend, Thomas Birkmeir hat die Theaterfassung für ein junges Publikum ab 13 Jahren erstellt und führt auch selbst Regie, die Hauptrolle als Mörder Rodion Raskolnikow übernimmt der 27-jährige Jakob Elsenwenger. Ein geeigneter Stoff fürs Kindertheater?

Morgenjournal | 11 01 2019
Katharina Menhofer

Thomas Birkmeir mutet seinem jungen Publikum einiges zu. Einen Doppelmord mit der Hacke, einen Selbstmord, einen Unfall, Prostitution, Armut und Alkoholsucht. Das Milieu in dem sich die Hauptfigur, der junge Student Rodion Raskolnikow bewegt, ist ein tristes und das St. Petersburg der 1860er Jahre alles andere als ein Paradies.

Kim Bormann und Jakob Elsenwenger

Jakob Elsenwenger als Raskolnikow, Kim Bormann als Dunja

Gefährliche Gedanken

Der Mordgedanke in Raskolnikow entwickelt sich aus seinem radikalen Denken heraus, dass es Menschen gibt, die das Leben nicht verdienen, weil sie keine Genies sind, sondern Untermenschen oder gar Läuse. So dünkt er sich selbst weit besser, höher und wertvoller als die hässliche, gierige Pfandleiherin, bei der er seine Uhr versetzt und die schließlich samt ihrer leicht zurückgebliebenen Schwester Lisaweta sein Opfer wird. Eine brutale Szene - in Zeitlupe und mit Musikuntermalung - ganz bewusst auf offener Bühne gezeigt.

"Ich glaube, dass es wichtig ist, die Brutalität dieser Ideologie des Raskolnikows zu zeigen, nämlich, ich bin wertes Leben, das ist unwertes Leben, da kommen ja dann genau Mord und Totschlag und Gaskammern dabei raus", so Birkmeir, Direktor des Theaters der Jugend und Regisseur des Stückes.

Keine Klassiker-Verhöhnung

Er hat die Fassung für Menschen ab 13 Jahren erstellt und hält sich dabei eng an die Vorlage. Der lichtdurchflutete Gitterkäfig in den er die Handlung verlegt, lässt sich optimal für die raschen Szenenwechsel adaptieren und macht die Beengtheit von Raskolnikows innerem Gefängnis spürbar. Der junge Jakob Elsenwenger, einer der Stars im Theater der Jugend, und oft in Hauptrollen besetzt (Hamlet, Peter Pan oder der talentierte Mr. Ripley) spielt ihn im rasenden Fieberwahn.

Das Ensemble tritt in Chorpassagen auf und treibt die Handlung voran - und auch auf Nebenfiguren verzichtet Birkmeier nicht. Er verstehe Regisseure nicht, die einen Klassiker inszenieren und ihn dann verhöhnen und nicht ernst nehmen würden: "Uns war es wichtig einer der großen Gestalten der Weltliteratur nachzuschmecken, sie zu hinterfragen und zu sagen, hier hat er recht, hier hat er unrecht."

Ensemble

RITA NEWMAN

Ein Mann mit Mission

Thomas Birkmeir, seit 2002 Leiter im Theater der Jugend, hat eine Mission, wenn er Stücke wie "Hamlet", "Robin Hood", "Die weiße Rose" oder "Oliver Twist" auf den Spielplan setzt und mithilfe von Klassikern, die in der Schule kaum noch gelesen werden, die Themen Widerstand, Mitläufertum, soziale Ungerechtigkeit oder das Fremdsein an ein junges Publikum bringt.

"Jugendliche begegnen im Moment einem Rechtsruck in ganz Europa, der höchst bedenklich und gefährlich ist. Das führt dazu, dass man andere ausschließt, dass es einem egal ist, ob jemand im Mittelmeer ersäuft, dass Nationalismen wiederkommen und ein bestimmtes Gedankengut wie 'Wir sind besser als die anderen' wieder salonfähig wird."

Begegnung auf Augenhöhe

Genau das hinterfrage ein Stück wie "Schuld und Sühne". Dass man schon 13-Jährigen auf Augenhöhe begegnen kann und ihnen einiges zumutbar ist, stellt Thomas Birkmeir mit dieser Inszenierung erneut unter Beweis; und nicht zufällig steckt im Wort Zumutung - der Mut.

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Theater der Jugend - Schuld und Sühne

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