Lorenz Meyer

LORENZ MEYER

Interview mit dem Medienkritiker Lorenz Meyer

Die Kapitulation vor den Euphorismen

Für den deutschen Autor und Medienkritiker Lorenz Meyer, der unter anderem für den BILD-Blog arbeitet, ist die Berichterstattung über Femizide in Österreich wie in Deutschland ein Paradebeispiel für sprachliche Verharmlosung durch Journalisten. Das Problem reiche aber weit darüber hinaus, speziell angeheizt durch die Volten von US-Präsident Donald Trump. Viele Redaktionen würden dessen oft fragwürdige Botschaften übernehmen, statt sie zu übersetzen, was die eigentliche Aufgabe wäre. #doublecheck hat mit Lorenz Meyer über den problematischen Umgang mit Euphemismen in der Berichterstattung gesprochen.

Das Interview mit Lorenz Meyer

Die Wortwahl in der Berichterstattung entscheide, ob ein Muster zu sehen ist oder so etwas wie Pech oder Schicksal, sagt Lorenz Meyer. "Stellen Sie sich mal vor, jede Woche würde in Österreich ein Banker von einem Kunden erschossen werden, weil der sein Geld vielleicht verloren hat. Also würden wir das Finanzstreit nennen oder würden wir das Bankentragödie nennen? Natürlich würden wir es nicht so nennen." Es würde rasch die Frage gestellt werden, was da strukturell falsch läuft. "Aber wenn ein Mann seine Frau tötet, weil sie sich trennen will, und das passiert ja leider andauernd, sowohl in Deutschland als auch in Österreich, dann schreien die Medien Beziehungstat, Familiendrama! Als als wäre das so ein trauriger Einzelfall."

Der Widerstand gegen den Begriff "Femizid"

In Deutschland sei die Situation absolut ähnlich wie in Österreich, so der Medienkritiker. Es beginne schon damit, das viele Journalisten das Wort "Femizid" nicht verwenden wollen. "Aber Femizid heißt ja nicht, dass Männer alle Frauen ausrotten wollen. Es heißt, diese Frau wurde getötet, weil sie eine Frau war, weil sie sich trennen wollte und weil ein Mann sie als Besitz gesehen hat. Weil sie nicht gehorcht hat."

Der Begriff mache nicht alle Männer zu Tätern, er benenne ein Motiv. "Und genau das tun andere Worte wie Beziehungstat oder Familiendrama oder Familientragödie eben nicht. Sie verschleiern das Motiv. Sie. Sie tun so, als wäre es ein Streit gewesen, der eskaliert ist. Aber es war eben oft kein Streit. Es war Kontrolle, die in Mord endete."

Flucht in das Passiv und allgemeine Unschärfe

Es gehe aber nicht nur um die verschleiernden Wörter, betont Meyer. "Es geht auch um die Grammatik. Und da gibt es ja dieses Passiv, das gerne angewandt wird. Die Frauen, die sterben, oder sie werden tot aufgefunden. Also der Täter verschwindet dann so im Passiv. Aber präzise wäre: Ein Mann hat seine Frau getötet. Also Subjekt, Prädikat, Objekt. Aber das Subjekt, das fehlt halt oft. Dieses Passiv, das ist so eine riesige, gigantische Nebelmaschine."

Worauf führt der Medienkritiker dieses Verhalten in Redaktionen zurück? "Zunächst sehe ich da so eine allgemeine Unschärfe, und diese allgemeine Unschärfe, die sehen wir ja überall bei den Vokabeln. Sozialkürzungen, die heißen jetzt Reform, oder Abschiebungen, die heißen Rückführung, und Überwachung heißt Sicherheitspaket. Der Journalismus übernimmt oft die Euphemismen der Politik, statt sie zu übersetzen." Bei den Femiziden sei es nur besonders sichtbar, weil es da um Menschenleben gehe - "und die Sprache trotzdem so verstörend weich bleibt".

"Trump ist der sprachliche Supergau für die Medien"

Meyer kritisiert öffentlich immer wieder, dass die Botschaften von US-Präsident Donald viel zu oft unreflektiert übernommen werden. "Trump ist der Supergau für die Medien überhaupt, weil die Taktrate ist so hoch und die Versuchung, aus jeder einzelnen Trump-Bemerkung einen einzelnen klickbaren Artikel draufzusetzen, ist selbst für die großen, angesehenen, durchaus seriösen Medien so stark, dass sie dem einfach erliegen.

Und das führt dann dazu, dass eine Trump-Agenda übernommen wird und sich bei den Leuten auch irgendwo einschleicht, im Unterbewusstsein sich verfestigt." Das negativste Beispiel für Meyer: Wenn die Agenten der brutalen Eingreiftruppe ICE aIs Beamte bezeichnet werden. "Das fand ich ganz, ganz fatal. Der Journalismus ist ja dafür da, die Dinge beim Namen zu nennen und das hätte man hier auch müssen."

Melania Trump, im Hintergrund Donald Trump

APA-IMAGES/AFP/BRENDAN SMIALOWSKI

Amazon-Propaganda für die First Lady wird beschönigt

Noch ein Beispiel: Der Imagefilm über Melania Trump, den Amazon gesponsert hat und der beharrlich als Dokumentation bezeichnet wird. Lorenz Meyer weist auf die Rolle von Amazon-Chef Jeff Bezos hin, dem auch die "Washington Post" gehört: "Das ist ganz gefährlich, was da gerade passiert. Einen Imagefilm, den kann man Werbefilm, den kann man Propagandafilm nennen, aber den darf man halt um Himmels willen nicht Dokumentation nennen. Das führt auf eine ganz falsche Schiene."

Und es verstelle den Blick zum eigentlichen Thema. "Ein paar Tage später hat Jeff Bezos ja angekündigt, er wird bei der Washington Post mal so richtig aufräumen, und hat ein paar hundert Leute gefeuert. Alles angesehene, seriöse Journalisten. Also wir haben da jemanden, der auf der einen Seite für Trump willfährige Imagefilme sponsert, und auf der anderen Seite jemanden, der - auch für Trump - Medien abbaut und und kritische, gute, seriöse Berichterstattung runterfährt."

"Eine Art unheilige Allianz" in der Berichterstattung

Das alles führe dazu, dass Trump den Nachrichtenzyklus dominiere. "Das ist fast so eine Art unheilige Allianz. Ich will natürlich den deutschsprachigen Medien jetzt nicht unterstellen, dass sie eine Allianz mit Trump eingegangen sind, aber indirekt tun sie schon. Sie profitieren davon, wenn man sich anschaut, wie viel neue Artikel teilweise da durchgehen am Tag durch die Medienseiten, die nur Trump-Berichterstattung sind. Es schaudert einen. Und das Ungeheuerliche verliert so auch an Schrecken."