Gedanken für den Tag

von Michael Krassnitzer. "Vom Ende der Unschuld" - zum 100. Geburtstag des Schriftstellers William Golding

Der britische Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger William Golding wäre am 19. September 100 Jahre alt geworden. All seinen Werken ist ein pessimistischer Grundtenor eigen, dennoch handelt es sich um Allegorien auf grundlegende menschliche und gesellschaftliche Konflikte, reich an Anleihen aus der christlichen Symbolik und der Mythologie. Sein Hauptwerk "Herr der Fliegen" dreht sich um die Gegensätze von Zivilisation und Barbarei, Demokratie und Gewaltherrschaft, Individuum und Gruppe, Rationalität und Emotionalität - und ist ein Plädoyer für ethisches Handeln.

Über ein halbes Jahrhundert später hat dieses Werk nichts von seiner Gültigkeit eingebüßt, ist Michael Krassnitzer überzeugt.
Gestaltung: Alexandra Mantler-Felnhofer.

Der Romanautor William Golding ist jemand ganz anderer als der Mensch William Golding: Das sagten viele, die den Schriftsteller persönlich kennen lernten. Seine Bücher sind wortgewaltig und erheben universellen Anspruch. Ihr Schöpfer hingegen war ein schüchterner, schrulliger Einzelgänger, von ständigen Selbstzweifeln geplagt. Selbst als er schon berühmt war, sah er sich nie als jemand, der viel zu sagen hatte.

Das war schon so, als der spätere Nobelpreisträger noch als Lehrer in der englischen Provinz arbeitete und sein Manuskript von "Herr der Fliegen" von einem Verlag nach dem anderen abgelehnt wurde. Bei Elternsprechtagen legte er seine Offiziersuniform an, um seine Unsicherheit zu kompensieren. Auch sein Bart und das an einen rauen Seebären erinnernde Äußere stellten eine Art Schutzschild gegen seine Umwelt dar.

Hätte jemand wie William Golding heute noch eine Chance? Wohl kaum. Selbstvermarktung und Schaumschlägerei scheinen heutzutage sogar im Literaturbetrieb unabdinglich.

Und noch etwas würde Golding heute zum Verhängnis werden: Sein Drang, gängige Auffassungen in Frage zu stellen. Wir leben ja in einer Gesellschaft, die sich Individualismus und Meinungsfreiheit auf die Fahnen heftet. Doch wehe, man kommt auf die falschen Ideen. Ich bin überzeugt, ein William Golding würde heute an die Grenzen dessen stoßen, was ohne soziale Ächtung gedacht und ausgesprochen werden darf. "Ein Schriftsteller muss unnachgiebig bleiben angesichts gängiger Meinungen - ob politisch, religiös oder moralisch", sagte er einmal: "Sobald ein Schriftsteller die herrschenden Ansichten als selbstverständlich hinnimmt, hat er keinen Nutzen mehr für die Gesellschaft."

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