Gedanken für den Tag

Von Johanna Schwanberg. "Malerischer Dialog mit der Bibel" - Gedanken zum 125. Geburtstag von Marc Chagall. Gestaltung: Alexandra Mantler-Felnhofer

Seit seiner Kindheit war Marc Chagall fasziniert von der Bibel, von der er einmal sagte: "Sie scheint mir noch immer die bedeutendste Quelle der Dichtung aller Zeiten zu sein. Seither suche ich im Leben wie in der Kunst nach ihrem Widerschein."

Anhand einzelner Gemälde beleuchtet die Kunstkritikerin Johanna Schwanberg Marc Chagalls Leben und Schaffen als einer der bedeutendsten Maler der Moderne. Im Zentrum steht dabei Marc Chagalls Auseinandersetzung mit religiösen und existentiellen Themen. Als in Weißrussland geborener jüdischer Maler, der in der Metropole der Avantgarde in Frankreich lebt, versucht Chagall eine Bildsprache zu finden, die sowohl seiner jüdischen Identität als auch der christlichen Kunsttradition gerecht wird.

Interreligiöser Dialog

Ein graubärtiger Mann. Er hat einen jüdischen Gebetsmantel um die Schultern und Gebetsriemen um Arm und Kopf gelegt. Das Gemälde lebt vom starken Gesichtsausdruck des gläubigen Alten. Die Wirkung beruht aber auch auf der geometrischen schwarzweißen Komposition. Marc Chagall hat dieses Bild im Jahr 1914 gemalt. Es heißt "Jude in Schwarzweiß" oder "Der Rabbiner im Gebet".

Als Moshe Segal wurde Chagall im jüdischen Ghetto einer weißrussischen Kleinstadt geboren. Seine Kindheit ist geprägt durch das einfache Leben in der Gemeinde und durch den chassidischen Glauben, wie er sich später erinnert: "Mystik und Religion haben in der Welt meiner Kinderzeit eine große Rolle gespielt und haben Spuren in meiner Kunst hinterlassen." Der Maler betont aber, dass er seit dem Verlassen seiner Geburtsstadt auch "andere geistige Welten kennengelernt" habe. Chagall war 1923 nach Frankreich emigriert. Im zweiten Weltkrieg flüchtete er als jüdischer und von den Nationalsozialisten verfolgter Künstler in die USA. Erst 1948 kam er nach Europa zurück.

Chagall hat sich immer zu seinem Judentum bekannt. Auf unvergleichliche Weise hat er den Menschen und Festen seiner russisch-jüdischen Heimat in farbenfrohen Bildern ein Denkmal gesetzt. Seit den späten 1960er Jahren stattete er Synagogen wie auch katholische Kirchen mit Glasfenstern aus.

Besonders spannend finde ich, dass Chagall sich als Mensch und Künstler stets für den interkulturellen, ja auch für den interreligiösen Dialog eingesetzt hat. Als jüdischer Maler im mediterran-kunstaffinen Frankreich suchte und fand er eine Bildsprache, die sowohl seiner jüdischen Identität als auch der christlichen Kunsttradition gerecht wird.

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