Radiokolleg - Die folgsame Gesellschaft

Wie sklavisch soll man sich an Regeln halten? (1).
Gestaltung: Dorothee Frank

Eine Studentin hat zwei Spritzer getrunken und steuert spätnachts ihre Wohnung an. Sie schiebt ihr Fahrrad auf dem Gehsteig, als sie von der Polizei aufgehalten und zu einer Alkoholkontrolle veranlasst wird. Die Studentin hat 0,6 Promille. Sie wird 800 € Strafe zahlen - obwohl sie das Rad ja geschoben hat. Laut Gesetz hätte sie es nämlich stehen lassen müssen.

Die Studentin hat die gesetzliche Regel nicht befolgt. Die Polizeibeamt/innen sehr wohl. Doch - wie sklavisch soll man sich an Regeln halten? Auch dann, wenn diese Regeln den Hausverstand beleidigen - oder gar die Menschenwürde? Warum steigt die Tendenz, auch noch die kleinsten Kleinigkeiten penibel durchzuregulieren, und mittels aufwändiger und teurer Kontrollsysteme jeden Verstoß auch wirklich zu sanktionieren?

Das läuft grundlegenden menschlichen Bedürfnissen zuwider. Das normale Individuum - so konstatieren Psychiater/innen aus dem Bereich Verbrechensbekämpfung - braucht seinen minimalen "Delinquenzspielraum" im Alltag, den harmlosen kleinen Regelverstoß, um sich frei, souverän und nicht als Untertan zu fühlen. Und zweitens zeigt die Geschichte, wie schlimm es enden kann, blind Regeln zu befolgen, statt nach ihrer ethischen Stichhaltigkeit zu fragen - und danach, wem sie jeweils dienen. Wie jüngst im Fall des italienischen Gesetzes, das Fischer vor Lampedusa dazu brachte, Flüchtlinge ertrinken zu lassen.

Die Sendung analysiert, warum es selbst unsinnige oder unmenschliche Regeln so leicht haben und ziviler Ungehorsam so schwer: Oft und oft in der Vergangenheit, und gerade auch jetzt wieder.

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