Gedanken für den Tag

von Rainer Bucher, Professor für Pastoraltheologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät in Graz. "An Gott glauben jenseits aller Selbstverständlichkeit". Gestaltung: Alexandra Mantler

Die Theologin und Schriftstellerin Dorothee Sölle veröffentlichte 1965 ein kleines, bald vieldiskutiertes Buch: "Stellvertretung. Ein Kapitel Theologie nach dem ‚Tode Gottes'". Darin schreibt sie:

"Gott ist nicht denen gestorben, die über ihn reden können mit der Wendung, ‚es gibt ihn nicht' - sowenig er denen lebt, die annehmen, es gäbe ihn. Beide haben die neue Erfahrung mit Gott, die unsere Lage bestimmt, nicht gemacht (…) diese neue Erfahrung, in der sich der einzelne in einer vollständig verwandelten Welt und Gesellschaft verunsichert auf sich gestellt vorfindet."

Für Sölle ist die "Bedingung, unter der Unbedingtes heute erscheint der ‚Tod Gottes'", ein "alles bestimmende(s) Ereignis, das sich innerhalb der letzten zweihundert Jahre europäischer Geschichte begeben hat." Man kann vor dem Ende jeder Selbstverständlichkeit Gottes fliehen, aber es nützt nichts. Realitäten verfolgen einen.
"Eine direkte unmittelbare Hingabe an Gott, wie sie von den Heiligen der großen Religionen bezeugt wird", ist, so Sölle, im nachtheistischen Stadium nicht mehr möglich. "Gott ist uns nicht unmittelbar da."

Es gebe, so Sölle, aber doch immer noch, ja immer mehr Menschen, die dieser Erfahrung des Todes Gottes, des Endes seiner Selbstverständlichkeit "so ausgeliefert sind, dass sie sie nicht mehr einebnen können, weder in den Theismus noch in den Atheismus hinein, weil beide gleichermaßen eine Naivität, eine ungebrochene Weltanschauungsgewissheit darstellen", schreibt Sölle.

Das ist der Status nach dem Theismus. Man sollte ihn nicht verschleiern. Die Theologie hat immer gewusst: Alle sprachliche Zeichen, die man von Gott hat, seine Begriffe, Namen und Bilder, treffen Gott nie ganz und umfassend. Gott ist immer viel größer als all unsere Sprache von ihm.

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Sendereihe

Playlist

Komponist/Komponistin: Georg Friedrich Händel/1685 - 1759
Titel: Konzert für Oboe und Streicher Nr.1 (alte Nr.3) in g-moll HWV 287
* Allegro - 2.Satz (00:01:51)
Orchester: The English Concert
Leitung: Trevor Pinnock
Ausführender/Ausführende: David Reichenberg /Oboe
Ausführender/Ausführende: Simon Standage /Violine
Ausführender/Ausführende: Micaela Comberti /Violine
Ausführender/Ausführende: Anthony Pleeth /Violoncello
Ausführender/Ausführende: Trevor Pinnock /Cembalo
Länge: 02:00 min
Label: DG 4152912

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