Gedanken für den Tag

von Hubert Feichtlbauer, Publizist. Zum 100. Geburtstag des Kulturphilosophen Friedrich Heer. Gestaltung: Alexandra Mantler

Österreichs Identität

Als gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Völker der Donaumonarchie immer heftiger ihren Nationalstaat forderten, drohte Österreich übrigzubleiben - ein Deutsches Reich gab es ja schon seit 1871. Ein Teil der National-Theoretiker war für eine Vereinigung mit ihm, andere hielten an einem eigenen Staat Österreich fest. Friedrich Heer verfocht mit Leidenschaft die These, dass das Österreichische auch am deutschsprachigen Österreicher schwerer wog als die deutsche Sprache. Oft waren Österreicher "Zerrissene" zwischen kaiserlich und päpstlich, evangelisch und römisch-katholisch. Heer beklagte die Unkenntnis historischer Details:

"Wien ist zumindest vom 12. Jahrhundert an - mit bedeutenden Unterbrechungen - bis 1914 ein Raum altösterreichischer Vielstimmigkeit, Mehrsprachigkeit, Multinationalität gewesen… Eine außerordentliche Rolle spielte in diesen Glaubenskämpfen das Ringen österreichischer Juden um ihre Identität: in ihrem Judentum, in ihrem Deutschtum, in ihrem Österreichertum, in ihrem Konservativismus, in ihrem Sozialismus, allem zuvor in ihrem klassischen jüdischen Liberalismus im 19. Jahrhundert.

Sein Werk "Das Ringen um die österreichische Identität" schließt Heer mit einem bezeichnenden Beispiel. Am Grab in Paris des österreichischen Dichters Josef Roth, ein gebürtiger Jude und späterer Christ, trauerten 1939 Monarchisten und Kommunisten, Ostjuden und katholische Farbstudenten. Man stritt über das Vorrecht auf letzte Riten. Auf einer schwarzgelben Kranzschleife stand nur das Wort "Otto".

Szenenwechsel: 1993 wurde in Wien Ruth von Mayenburg, genannt "die rote Gräfin", begraben. Sie war die Frau des Kommunisten Ernst Fischer gewesen, 1934 Bürgerkriegsteilnehmerin, im Krieg im Emigrantenhotel Lux in Moskau, Zweitehe nach dem Tod Fischers mit dem zuletzt erzkonservativen katholischen Publizisten Kurt Diemann in Wien. Der trieb das Häuflein Katholiken auf der einen und das Häuflein Lux-Kommunisten auf der anderen Grabseite des Wiener Friedhofs zum lauten Beten eines Vaterunsers an.

Nie war und ist österreichische Identität eindimensional.

Service

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Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: Johann Sebastian Bach/1685 - 1750
Titel: Englische Suite für Klavier Nr.3 in g-moll BWV 808
* Allemande - 2.Satz (00:04:30)
Solist/Solistin: Ivo Pogorelich /Klavier
Länge: 02:00 min
Label: DG 4154802

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