Porträt des Erasmus von Hans Holbein dem Jüngeren

GEMEINFREI

Radiokolleg - Der unbeugsame Europäer

Der Universalgelehrte, Humanist und Reisende Erasmus von Rotterdam (1).
Gestaltung: Johannes Gelich

"Ich weiche keinem" - so lautete der viel zitierte Ausspruch des Theologen und Philologen Erasmus von Rotterdam. Er gilt als Wegbereiter der europäischen Aufklärung und als einer der wichtigsten Humanisten der Renaissance. Gelehrte wie Spinoza, Rousseau, Voltaire, Kant und Schopenhauer schätzten den Universalgelehrten aufgrund seiner kirchenkritischen, antidogmatischen Haltung und seines brillanten Stils.

Vor 550 Jahren als unehelicher Sohn eines Goudaer Priesters und seiner Haushälterin geboren, begann der junge Rotterdam bald mit dem, was für die jungen Student/innen Europas heute eine Selbstverständlichkeit ist: er reiste. Er studierte an der Sorbonne in Paris, gelangte von dort als Lehrer des Lord Mountjoy nach England, wo er unter anderem Thomas Morus begegnete. In England lernte er das höfische Leben kennen und entwickelte sich vom einfachen Chorherren zum weltgewandten Gelehrten. In der Folge lebte er abwechselnd in den Niederlanden, Frankreich, England und Italien.

Sein wohl bekanntestes Werk ist die Satire "Lob der Torheit" aus dem Jahr 1509, in dem der Autor die Weltherrscherin "Torheit" lachend die Wahrheit sagen lässt und mit Witz und Satire kirchliche Missbräuche wie das Ablasswesen oder die weltliche Macht des Papsttums aufs Korn nimmt. In den Jahren 1522 bis 1534 setzte sich Erasmus intensiv mit den Schriften Luthers auseinander. Wiewohl er der katholischen Kirche kritisch gegenüberstand, konnte sich Rotterdam nie mit den reformatorischen Ideen Luthers anfreunden, er sah vielmehr die später eintretenden Religionskriege voraus und versuchte die zerstrittenen Glaubensparteien zu befrieden. Während Luther eine harte, revolutionäre Linie gegen das dekadente Papsttum vertrat, setzte sich Erasmus für innere Reformen ein. Er beharrte im Gegensatz zu Luther auf dem freien Willen des Einzelnen und verwehrte sich gegen die göttliche Vorbestimmung des menschlichen Schicksals. Luther bezeichnete Rotterdam in einer Entgegnung denn auch als "Wanze, die noch tot mehr stinkt als lebendig".

Die größte philologische Leistung des bedeutenden Humanisten bestand in der 1516 veröffentlichten, ersten kritischen Edition des griechischen Neuen Testaments mit einer neuen, von ihm selbst besorgten lateinischen Übersetzung. Erasmus Fassung war damit der erste vollständig gedruckte griechische Text des Neuen Testamentes. Zugute kam ihm dabei sein humanistischer Weitblick und das Erkennen des Potentials der für Europa so typischen Migrationsbewegungen: bei der Edition des griechischen Neuen Testamentes griff Rotterdam auf wiederentdeckte Manuskripte zurück, die mit griechischen Flüchtlingen aus Konstantinopel in den Westen gelangt waren. Die lokale und damit geistige Mobilität des großen Universalgelehrten dient auch heute noch Tausenden von europäischen Austauschstudenten als Vorbild zum Weiterbau an einem demokratischen Europa.

Service

Erasmus von Rotterdam: Das Lob der Torheit, Hrsg. von Emil Major, übersetzt von Alfred Hartmann, Marix-Verlag, Wiesbaden, 2014;

Christine Christ- von Wedel: Erasmus von Rotterdam: Ein Porträt. Taschenbuch, Schwabe Verlag, Basel, 2016;

Stefan Zweig: Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam, Anaconda-Verlag, 2016;

Wilhelm Ribhegge: Erasmus von Rotterdam, Gestalten der Neuzeit, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 2010;

Albrecht Graf von Brandenstein-Zeppelin (Hrsg.): Vom unfreien Willen - Martin Luther in der Auseinandersetzung mit Erasmus von Rotterdam, Gerhard Hess Verlag, 2015;

Erasmus von Rotterdam (Autor), Werner Welzig (Übersetzer): Ausgewählte Schriften, Lateinisch-Deutsch, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2016;

Sendereihe