Oliver Tanzer

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Gedanken für den Tag

Oliver Tanzer über Revolution

"Die Gier nach den neuen Dingen". Zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution. Gedanken vom stellvertretenden Chefredakteur der Wochenzeitung "Die Furche", Oliver Tanzer. Gestaltung: Alexandra Mantler

Heute ist Samstag und Sabbat und man darf an diesem Tag den Geistern lauschen. Ich will heute mit einer Geschichte enden, die von einer der ersten Revolutionen handelt. Sie hat sich dort abgespielt, wo die Fantasie des Menschen sein eigenes Werden zu begreifen versucht. In einer Legende, die sich die Menschen in Mesopotamien erzählten. Einst, so hieß es, herrschte die Göttin Tiamat im Universum. Sie war die Mutter aller Götter, sie schenkte ihnen Leben und Tod. Ihre Herrschaft war unangefochten, denn sie allein vermochte das Wunder der Geburt.

Tiamat hatte einen Sohn, Marduk. Marduk war laut, er wollte feiern, angeben, herrschen. Er wollte mehr. Das Leben im ewigen Kreislauf war nichts für ihn. Er war dazu, wie soll man sagen, zu menschlich. Er rief also die Götter zusammen und sagte: Ich bin größer als Tiamat. Und er beeindruckte sie mit Tricks und Zauberkunst. Gemeinsam töteten sie Tiamat und aus ihrem Körper formten sie die Welt.

Tiamat, das Sinnbild für die Natur und das natürliche Prinzip, wurde zur willenlosen Ressource, die ausgebeutet werden kann. Marduk, der den Menschen symbolisiert, herrscht noch heute mit seinen Worten und seinen Kopfgeburten, seinem Ehrgeiz, mit Fleiß und noch immer besiegt er die Natur. Alle Revolutionen danach standen in den Fußstapfen dieser ersten: Tue das Unerhörte, stell alles in Frage, herrsche.

Aber die Sache hat einen Haken. Denn nachdem er sich die Welt untertan gemacht hatte, hat sich der Mensch selbst zur Ressource seines eigenen Systems von Arbeit und Wachstum gemacht. Dieses System will und schafft und belohnt immer nur dieses eine Wachstum, das je mehr es schafft, ihn nur umso mehr knechtet und zu noch mehr Wachstum zwingt.

Dann machen wir es halt anders herum, rufen die Reformer. Aber so einfach ist das nicht. Denn diese Systeme sitzen tief in uns, weil sie Tausende Jahre gut und fruchtbringend waren. Deshalb laufen alle unsere Instinkte jeder Änderung zuwider. Und deshalb bräuchte es nicht weniger als eine neue Revolution, die schwierigste von allen vielleicht. Sie richtet sich nicht gegen etwas Äußeres, sondern gegen die eigenen Instinkte. Man müsste es Selbstrevolution nennen oder Zivilisation. Aber wer wäre dazu bereit in Zeiten der Hochkonjunktur, die nicht erkennt, dass sie selbst ein Teil der Krise ist?

Service

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Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: Andreas Frege
Komponist/Komponistin: Michael Breitkopf
Album: OPIUM FÜRS VOLK
Titel: Viva la Revolution
Ausführende: Die Toten Hosen /Gesang m.Begl.
Länge: 02:00 min
Label: EastWest 0630138292

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