Szene aus Frank Wedekinds "Lulu"

AFP/PATRICK HERTZOG

Cornelius Hell über Frank Wedekind

"Der Mensch wird abgerichtet, oder er wird hingerichtet" - Zum 100. Todestag von Frank Wedekind beleuchtet der Theologe, Literaturkritiker und Germanist Cornelius Hell die "umstrittenen" Themen in Wedekinds Werk. - Gestaltung: Alexandra Mantler

Freiheit, persönliche und politische Freiheit - das war der zentrale Impuls des deutschen Dramatikers, Schauspielers, Kabarettisten und Liedermachers Frank Wedekind. Schon sein Vater war nach der gescheiterten Revolution von 1848/49 nach Amerika ausgewandert und kam dort zu einem ansehnlichen Vermögen. Und in seiner Amerika-Begeisterung gab er seinem zweiten Sohn den Namen Benjamin Franklin - daraus wurde dann Frank Wedekind. Dem Freiheitsdrang dieses Sohnes konnte Vater Wedekind allerdings nicht viel abgewinnen - der Sohn fühlte sich zur Dichtkunst, zum Theater und vor allem auch zu den Kneipen hingezogen, während der Vater ein Jus-Studium für ihn vorgesehen hatte. In einem heftigen Streit schlug der Sohn dem Vater ins Gesicht, der Vater warf ihn aus dem Haus und strich ihm jede Unterstützung.

Frank Wedekind fand eine Arbeit als Leiter der Werbeabteilung der Firma Maggi - und dichtete muntere Reklameverse wie "Das wissen selbst die Kinderlein: Mit Würze wird die Suppe fein. Darum holt das Gretchen munter, die Maggi-Flasche runter." Doch bald wird aus Wedekind ein respektlosen Lyriker und rebellischer Sänger bitterböser Balladen und zynischer Chansons gegen das Spießbürgertum. Radikal attackiert er die Doppelmoral seiner Zeit. Das bekannteste dieser Chansons ist "Der Tantenmörder", das er 1901 im Kabarett "Die Elf Scharfrichter" vorgetragen hat. "Ich hab meine Tante geschlachtet", singt da ein bekennender Mörder, der damit argumentiert, dass ihm das Geld mehr nütze als seiner altersschwachen Tante.

Die Spottlust sollte Frank Wedekind zum Verhängnis werden: Ein satirisches Gedicht über die Palästinareise von Kaiser Wilhelm II. im Jahr 1898 trug ihm sechs Monate Festungshaft ein. Die politische und gesellschaftliche Welt, die Wedekind vorfand, hat er in seinem Drama "Der Marquis von Keith" auf einen einprägsamen Nenner gebracht: "Der Mensch wird abgerichtet, oder er wird hingerichtet." Hundert Jahre nach Wedekinds Tod und im Jahr des Gedenkens an den Beginn der Demokratie in Deutschland und Österreich gibt es gute Gründe, für die Zunahme der politischen und persönlichen Freiheit, für das Recht auf freie Meinungsäußerung und die Möglichkeit individueller Lebensentwürfe dankbar zu sein. "Kein Mensch muss müssen!" - auf diesen Satz von Lessing hat sich Wedekind mit großer Zustimmung berufen.

Service

Frank Wedekind, "Frühlings Erwachen. Eine Kindertragödie", Reclam Verlag 2013
Frank Wedekind, "Lulu. Erdgeist. Die Büchse der Pandora", Reclam Verlag 1999
Frank Wedekind, "Der Marquise von Keith. Schauspiel in fünf Aufzügen", Wallstein Verlag 2018

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Playlist

Komponist/Komponistin: Wedekind
Album: Ol' Songs - New Voices
Titel: Tantenmörder
Ausführende: New Voices
Länge: 02:00 min
Label: PG Records 10194

Sendereihe

Gestaltung