Marie Gamillschegs Familienaufstellung der anderen Art

"Now You Can Ask". Von Marie Gamillscheg. Es liest: Silvia Meisterle. Gestaltung: Edith-Ulla Gasser

Eine kleine Reisegruppe aus Europa besucht die Silberminen nahe der bolivianischen Bergarbeiterstadt Potosí. "Now you can take a picture" erlaubt der englisch sprechende einheimische Reiseführer der kleinen Touristengruppe. Und "Now you can ask!", wenn ein "Minor", einer der unterprivilegierten und schlechtbezahlten Bergarbeiter vor den Touristen steht: "Jetzt dürfen Sie fragen!". Aber die Fragen sind ebenso stereotyp wie die Antworten, und überhaupt scheinen den Gästen aus Übersee andere Themen drängender zu sein. Zum Beispiel die Frage, ob David in Sara verliebt ist, oder wie es mit der Ehe zwischen Teresa und David steht, und schließlich: was gestern abend nach dem Besuch in der Bar eigentlich wirklich zwischen Sara und David passiert ist? So verschränkt sich die innere Wahrnehmung des komplizierten Beziehungsgeflechts der vier Touristen mit der äußeren Realität der elenden Lebensbedingungen der Einheimischen vor Ort. Unverständnis und ironische Kommentare von beiden Seiten inklusive.

Die Grazer Autorin Marie Gamillscheg ist erst 26 Jahre alt und hat kürzlich bei Luchterhand ihr bereits zweites Buch vorgelegt, nämlich den Roman "Alles was glänzt". Auch darin geht es um den Erzabbau, nämlich ganz unverkennbar um jenen im steirischen Ort Eisenerz.Die 1992 geborene steirische Autorin und Essayistin wurde bereits mit etlichen Preisen und Stipendien bedacht.

Ihr erstes Buch "Wenn sie kommen" legte Marie Gamillscheg mit 23 Jahren vor, es ist eine rhythmisierte Prosafolge über das Alltagsleben in einem kleinen Ort und erschien im Verlag Matthes & Seitz.

Service

Marie Gamillscheg, "Potosí. Now You Can Ask", Manuskript, 2015

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