Arbeiter bei der Kohlernte

APA/dpa

"Ich dachte, drei Euro pro Stunde wär' normal"

Die Ausbeutung von Erntehelfern in Europa.
Gäste: Cordula Fötsch, Sezonieri-Kampagne, Gewerkschaft PRO-GE; Raymond Gétaz, Europäisches BürgerInnenforum; Gilles Reckinger, Professor für Europäische Ethnologie, Universität Innsbruck
Moderation: Natasa Konopitzky
Anrufe kostenlos aus ganz Österreich unter 0800 22 69 79

In Österreich bringen knapp 20 000 Erntehelfer, die größtenteils aus Ost- und Südosteuropa kommen, im Sommer und Herbst die Ernte ein, erzählt Cordula Fötsch von der "Sezonieri"-Kampagne der Produktionsgewerkschaft, der größten Arbeitergewerkschaft Österreichs.

Der Rumäne Andrei Oancea etwa hatte drei Jahre lang für einen großen Tiroler Obst- und Gemüsebauern gearbeitet, bis er von Sezonieri-Aktivisten über seine Rechte und den gesetzlichen Mindestlohn aufgeklärt wurde. "Wir haben 11 bis 15 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche, also zirka 300 Stunden im Monat gearbeitet. Unser Monatslohn betrug 660 Euro. Umgerechnet also rund drei Euro pro Stunde", sagt er. Von den 660 Euro musste der junge Rumäne noch rund 200 Euro für Unterkunft und Verpflegung abgeben.

Die Saison für die Erntehelfer in Spanien beginnt im November. Sie kommen aus Marokko oder sind Migranten ohne Papiere aus Subsahara-Afrika, sagt Raymond Gétaz. Er arbeitet für das Europäische BürgerInnenforum, eine NGO mit Sitz in Basel. Mehr als 100 000 Erntehelfer arbeiten in den Gewächshäusern in der Region Almería. Viele von ihnen wohnen in selbstgezimmerten Baracken, ohne Strom und fließendes Wasser.

In Italien arbeiten viele Bootsflüchtlinge als Tagelöhner auf den Obstplantagen im Süden des Landes. Im Morgengrauen stehen sie auf dem Arbeiterstrich und hoffen mitgenommen zu werden. "Nur die Kräftigsten dürfen auf die Kleinlaster aufspringen", erzählt Gilles Reckinger, Professor für Europäische Ethnologie an der Universität Innsbruck. Er erforscht die Situation der Saisonarbeiter auf den Orangenplantagen in Kalabrien und spricht von moderner Sklaverei. Viele der Plantagen sind in der Hand der Mafia. Die afrikanischen Tagelöhner sind rassistischen Übergriffen ausgesetzt. Sie werden angeschossen oder mit Eisenstangen aus vorbeifahrenden Autos verletzt. Immer wieder kommt es zu Todesfällen während der Arbeit, aufgrund von Überbelastung und fehlender medizinischer Versorgung.

Natasa Konopitzky spricht mit Cordula Fötsch, Raymond Gétaz und Gilles Reckinger über die Arbeitsbedingungen von Erntehelfern in Europa. Reden Sie mit: Rufen Sie in der Sendung an unter 0800 22 69 79 - kostenlos aus ganz Österreich - oder schreiben Sie ein E-Mail an punkteins(at)orf.at.

Service

Gilles Reckinger: Bittere Orangen. Ein neues Gesicht der Sklaverei in Europa. Wuppertal: Peter Hammer Verlag, 2018.

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