Oliver Tanzer

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Oliver Tanzer über den Wert von Schuld und Schulden

"Und vergib auch unseren Gläubigern". Gar nicht schuldhafte Gedanken macht sicher der Wirtschaftsjournalist bei der Wochenzeitung "Die Furche" Oliver Tanzer. - Gestaltung: Alexandra Mantler

Eigentlich scheinen uns Schuld und Schulden sonnenklare Angelegenheiten zu sein. Rein menschliche vor allem. Die biblische Schöpfung beginnt ja schon in einer Schuld-Falle, in der Adam und Eva sitzen. Und später behauptet kein geringerer als Charles Darwin, Schuld und Verantwortung seien rein menschliche Eigenheiten. Denn der Mensch könne ja erröten, das Tier hingegen nicht. Schon hier würden zahllose Tierbesitzer aufhüpfen und schwören, dass sich ihre Hunde und Katzen ihrer Schuld wohl bewusst seien, wenn sie etwa Speisen vom Tisch gestohlen haben. Sie würden dann entsprechend dreinschauen - schuldbewusst. Und wirklich lässt sich dieser Dackelblick selbst bei den grausigsten Bluthunden beobachten.

Allerdings: Der Hund stiehlt die Wurst zunächst völlig scham- und gewissenlos. Erst wenn sein menschlicher Gebieter ins Blickfeld rückt, fällt ihm ein, dass es jetzt etwas unangenehm werden könnte - und er versucht gleichsam seine Pfoten in Unschuld zu waschen. Er verhält sich in diesem Sinn durchaus menschlich: Das innere Schuldbewusstsein ist Mangelware, das von Gesetzen gelenkte geduldet, aber innerlich verhasst.

Nun gibt es aber auch ein anderes Schuld- und Pflichtgefühl bei Tieren, das mit Gabe und Gegengabe zu tun hat: etwa bei den sonst übel beleumundeten Vampirfledermäusen. Sie geben einen Teil des Blutes, das sie saugen, anderen Fledermäusen weiter und werden selbst auch gefüttert. So strikt ist das System, dass jene Fledermäuse, die nichts geben, von den anderen auch nichts bekommen. John Maynard Keynes sprach einmal von den Animal Spirits der Märkte und unterschied dabei zwischen negativen Trieben wie etwa Gier und positiven Impulsen wie Hilfsbereitschaft. So gesehen sind Hund und Fledermaus zwei gegensätzliche ökonomische Geister. Das Problem ist, dass unsere Ökonomen an einer Fledermausphobie leiden, während sie den Spirit der wilden Hunde lieben. Was ihnen aber fehlt, sind Beißkorb und Leine für das Tier der Märkte. Und mit jeder Krise sieht man das deutlicher.

Service

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Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: George Gershwin/1898 - 1937
Album: GEORGE GERSHWIN: THE 1920'S & THE 1930'S
Titel: Promenade für Klavier und Orchester
Populartitel: Walking the dog
Orchester: Los Angeles Philharmonic
Leitung: Michael Tilson Thomas
Solist/Solistin: Michael Tilson Thomas /Klavier
Länge: 02:00 min
Label: CBS MK39699

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