Jonglierende Menschen

AFP/BEN STANSALL

Der Wert der Arbeit

Entlohnungssysteme auf dem Prüfstand (4). Gesaltung: Marlene Nowotny

Sie arbeiten von zuhause aus, mit ihren eigenen Gerätschaften und werden nur für die erbrachte Leistung bezahlt - nicht für Arbeitsstunden, sondern für Arbeitsstücke. So in etwa lässt sich das aktuelle Phänomen des "Crowdworking" beschreiben. Tätigkeiten, die noch vor ein paar Jahren fix Angestellte ausgeführt haben, werden heute über online-Plattformen an die "Crowd" ausgelagert - wer gerade Zeit hat, übernimmt sie.

Die Auftragnehmer haben den Vorteil der freien Zeiteinteilung, übernehmen aber auch das Risiko, unproduktive Zeiten alleine bestreiten zu müssen. Es entsteht eine "Gig-Economy", in der die Arbeitenden, vergleichbar mit einer Musikerin oder einem Musiker, einzelne Auftritte absolvieren, aber nicht mehr durchgängig beschäftigt sind.

Blickt man in der Geschichte der Arbeit mehr als 500 Jahre zurück, zu den Anfängen des Kapitalismus, findet man ein ganz ähnliches Prinzip der Entlohnung: Sogenannte Verleger-Kaufleute stellten Heimarbeitern Rohstoffe zur Verfügung, die die geforderten Waren in den eigenen vier Wänden produzierten und dafür einen Stücklohn erhielten. Dieses "Verlagssystem" ermöglichte die vorindustrielle Produktion von Gütern in großen Stückzahlen. Wer krank war oder nicht schnell genug arbeitete, hatte finanziell das Nachsehen.

Zwischen den Anfängen des Verlagssystems im späten Mittelalter und der Gig-Economy von heute liegen Jahrhunderte der Ausbeutung und Jahrzehnte des Arbeitskampfes für gerechte Löhne und faire Arbeitsbedingungen. Mit der Industrialisierung wurde vertraglich abgesicherte Lohnarbeit zum Massenphänomen, doch erst in den 1970er Jahren erreichten Arbeiterinnen und Arbeiter das, was heute als "Normalarbeitsverhältnis" bezeichnet wird: die 40-Stunden-Woche, kollektive Arbeiterrechte und eine Absicherung im Fall von Entlassung, Unfall, Krankheit oder Alter. "Normal" sind diese Ansprüche in einer globalen Perspektive bis heute nicht und sie werden auch in Europa zusehends in Frage gestellt.

Arbeitsverhältnisse werden fließender, die Erwerbsarbeit an sich elastischer, die Grenzen zwischen selbstständiger Arbeit und Angestelltenverhältnissen verschwimmen. Teilzeit, Gleitzeit, Leistungsentlohung oder Crowdworking - die Arbeitswelt der Gegenwart bietet neue Freiheitschancen, führt aber auch zu neuen Abhängigkeiten. Heute sind Arbeitende dazu angehalten, sich selbst als Unternehmer zu betrachten und die Risiken, die die Spekulations- und Investitionskultur des Finanzkapitalismus mit sich bringen, zu teilen.

Das "Radiokolleg" geht in dieser Woche der Frage nach, welchen Stellenwert Lohnarbeit in unsere Gesellschaft hat und zukünftig haben wird. Wir wollen wissen, wie sich große Gehaltsunterschiede in verschiedenen Berufssparten erklären lassen, warum unbezahlte Arbeit nach wie vor nicht als Teil der Wertschöpfung gesehen wird und ob der klassische Arbeitskampf in Zeiten des Finanzkapitalismus ausgedient hat. Und was wird zukünftig vorrangig entlohnt werden, Leistung oder Arbeitszeit?

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