Ö1 Kunstsonntag: Tonspuren

Im Wort-Delta. Barbara Zemans überbordende Prosa. Feature von Sabine Nikolay

Ein Mann sitzt in einem Fauteuil und starrt vor sich hin. Neben ihm ein "wallender" Vorhang, dahinter ein Park. Unter ihm edles Parkett, darüber wohl Stuckdecke und Luster. Bilder eines Traums, "weiße Tiere" ohne Gesichter zu seinen Füßen, plastisch und gleichzeitig in Auflösung.
Der dort sitzt ist Immerjahn, der ratlose und hilflose Held von Barbara Zemans erstem Roman, in dem Gegenwart, Vergangenheit, Gedanken, Gefühle, Erinnerungen, Pläne, Ängste, Fragen und Beschreibungen der tatsächlichen Welt - aber was ist die wirklich? - gleichberechtigt nebeneinander stehen.

Immerjahn hält ein Taschentuch in der Hand, in das seine Großmutter einst ein "I" gestickt hat. Das Wort "Kosmos" greift hier nicht, denn in Barbara Zemans Prosa ist alles im Fluss, jedoch nicht wie in einem kompakten Strom, eher wie in einem Delta: Die Handlung teilt sich in viele gleichberechtigte Ströme: manche schwellen an, andere versanden, einige finden wieder zusammen -sie fließen gleichzeitig, parallel oder auch überlagert. Am Ende mündet alles in ein Wort-Meer, so farbenfroh, bunt und üppig, dass man darin untergehen und nie wieder auftauchen möchte.
Eine Tonspur im Strom des Lebens und Erzählens der jungen österreichischen Autorin Barbara Zeman.

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