Ein Junge mit einem Kärcher in der Hand

APA/HELMUT FOHRINGER

Radiokolleg - Saubermachen

Ordnungswahn und Ordnungsliebe (1). Gestaltung: Christa Nebenführ

Der Start der Netflix Serie "Aufräumen mit Marie Kondo" hat ein altes menschliches Dilemma neuerlich in den Fokus gerückt.
Als Augias dem griechischen Sagenhelden Herkules neben dem Einfangen und Töten einiger Ungeheuer die Aufgabe stellte, seine Rinderställe auszumisten, lag die besondere Herausforderung in der Tatsache, dass er ihn damit eine Tätigkeit zumutete, die eines Helden unwürdig war. Der indische Freiheitskämpfer und spirituelle Führer Mahatma Gandhi vollbrachte eine Heldentat der Demut, als er selbst Latrinen putzte und dies auch von seinen Anhängern erwartete. Im indischen Kastensystem wurde diese Arbeit strikt auf die außerhalb des Kastenwesens stehenden "Unberührbaren" abgewälzt. Wer also putzt den Dreck weg?
Dabei handelt es sich nicht immer um unvermeidbaren Schmutz wie Fäkalien, sondern insbesondere in der Wegwerfgesellschaft vielfach schlicht um Müll. Wer lässt ihn liegen und wer sammelt ihn auf?

Die Leiterin der Caritas-Spendenhallen, Elisabeth Mimra, hat sich kürzlich gegenüber wien.ORF.at über den gestiegenen "Spendenandrang" geäußert und einen Zusammenhang mit dem "Marie-Kondo-Trend" vermutet. Aber Marie Kondo ist nicht die einzige, die dazu ermuntert Ordnung zu machen - und zu halten. Schon zu Beginn des Jahrtausends hat Werner Tiki Küstenmacher die deutsche Gründlichkeit mit seinem Bestseller "simplify your life" in die Welt getragen und mit 40 Auslandsausgaben eine Weltauflage von über vier Millionen Exemplaren erreicht.

Noch viel früher, nämlich in den 1960er-Jahren untersuchte Philip Zimbardo Vandalisierungsverläufe an abgestellten Autowracks und stellte fest, dass diese in verwahrlosten Stadtteilen binnen zehn Minuten einsetzten während sie in Wohlstandsvierteln gar nicht stattfanden. Der daraus folgende Schluss dass sowohl Ordnung als auch Nachlässigkeit soziale Folgen haben, wurde als "Broken-Windows-Theorie" bekannt. Der New Yorker Bürgermeister Rudolph Giuliani baute seine Nulltoleranzstrategie darauf auf und erreichte dadurch in den ersten vier Jahren seiner Amtszeit 1994-1998 ein rapides Absinken der Kriminalitätsrate.

Seit zehn Jahren erreicht die Amerikanerin Becky Rapinchuk mit ihrem Blog "clean mama" hunderttausende Follower. Womit noch ein Thema angeschnitten wäre: Ist Sauberkeit Frauensache? Die Philosophieprofessorin an der TU Braunschweig Nicole Christine Karafyllis hat die Kulturtechnik des Reinigens und Räumens in ihrem Buch "Putzen als Passion" untersucht und die Gestalterin dieser Sendereihe Christa Nebenführ versucht sich im Wirrwarr von Organisation und Konfusion zurechtzufinden.

Service

LITERATUR:

Nicole C. Karafyllis: "Putzen als Passion. Ein philosophischer Universalreiniger für klare Verhältnisse" (Kulturverlag Kadmos, Berlin, 2013)

Mary Douglas: Purity and Danger: An Analysis of Concepts of Pollution and Taboo. New York: Praeger Publishers. (dt.: Reinheit und Gefährdung. Eine Studie zu Vorstellungen von Verunreinigung und Tabu. Berlin 1985)

Sibylle Hamann: "Saubere Dienste. Ein Report" (Residenz, 2012)

Justyna Polanska: "Unter deutschen Betten. Eine polnische Putzfrau packt aus" (Knaur, 2011)

Karen Kingston: Feng Shui gegen das Gerümpel des Alltags

Marie Kondo: Das große Magic-Cleaning-Buch. Über das Glück des Aufräumens
Marie Kondo: Die KonMari-Methode

Jennifer McCartney: The Joy of Leaving Your Sh*t All Over the Place: The Art of Being Messy

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