afrikanische häuser

ASSOCIATED PRESS/ALFRED DE MONTESQUIOU

Radiokolleg - Österreichs Afrikabild

Chronik einer Beziehung (3). Gestaltung: Johannes Gelich.

Das Rollenbild des Afrikaners in der österreichischen Geschichte ist geprägt von vielen exotischen Klischees, die man sich von dem "Wilden aus dem schwarzen Kontinent" machte. Eine der wohl bekanntesten Figuren war der afro-österreichische Kammerdiener und Prinzenerzieher Angelo Solimann. Als Sklave um den Preis eines Pferdes an Europäer verkauft, wurde er mit zehn Jahren von einer italienischen Marquise erzogen. 1734 wurde er dem Fürsten Lobkowitz geschenkt, der ihn als Kammerdiener, Soldat und Reisebegleiter einsetzte.

Nach Lobkowitz' Tod kam Soliman 1753 zu Fürst Wenzel von Liechtenstein und stieg dort zum Chef der Dienerschaft auf. Was aus heutiger Sicht wie ein erfolgreicher sozialer Aufstieg anmutet, nahm nach Solimans Tod ein bezeichnendes Ende: seine Haut wurde präpariert und bis 1806 im Kaiserlichen Naturalienkabinett als halbnackter Wilder mit Straußenfedern, Glasperlen und Muschelkette ausgestellt.

Doch auch bei der Ausstellung eines ganzen Ashanti-Stammes im Wiener Tiergarten im Jahr 1896 zeigte sich der kolonialistische und rassistische Blick der Wiener Gesellschaft. Man bestaunte die Tänze, Rituale, Werkzeuge und Handwerkskünste der Afrikaner und Afrikanerinnen. Vor allem aber wurden die ausgestellten Körper inspiziert und begutachtet, zum Teil auch berührt, was mitunter zu wilden Tumulten führte. Einer der zahlreichen Besucher war der Dichter Peter Altenberg, der sich ganze Tage und Nächte in den Zelten der Afrikaner, und vor allem Afrikanerinnen aufhielt.

Er kritisierte in seinem 1897 erschienen Buch "Ashantee" zwar die Haltung vieler Wiener und Wienerinnen, doch auch er beutete die Ashanti-Frauen - viele von ihnen noch Kinder - schriftstellerisch und erotisch aus.
Im Jahr 1955 machten sich schließlich der Adabei und Abenteurer Max Lersch und der Tonmeister Herbert Prasch auf, um im Zuge der österreichischen Afrika-Expedition Ton- und Filmdokumente aus Westafrika zu sammeln. Von offizieller Seite großzügig unterstützt wurden die Afrika-Abenteurer als Symbolfiguren des gerade erst frei gewordenen Österreichs vermarktet, um Österreich und der Welt zu zeigen, dass man den Rassismus der Nazi-Zeit überwunden und sich der Welt gegenüber geöffnet habe.
Das Ergebnis derartiger Feldforschungen war jedoch mitnichten ein differenziertes Afrikabild, das in Form von Fernsehbeiträgen in die österreichischen Haushalte vermittelt wurde. Und heute? Inwieweit dürfen die Klischees vom halbnackten, animalischen, triebhaften und exotischen Wilden als überwunden gelten? Waren oder sind Events wie Andre Hellers gigantomanische Show AFRIKA, AFRIKA dazu geeignet, ein differenzierteres Afrika-Bild zu transportieren? Oder sind es nicht doch die vielen kleinen und alltäglichen Geschichten schwarzer Österrreicher und Migranten die ein heutiges, zeitgemäßes Afrika-Bild transportieren?

Service

Literaturliste

Walter Sauer: Expeditionen ins afrikanische Österreich: Ein Reisekaleidoskop Taschenbuch, Mandelbaum, 2014

Arno Sonderegger und Margarete Grandner: Nord-Süd-Ost-West Beziehungen: Eine Einführung in die Globalgeschichte, Taschenbuch, Mandelbaum, 2015

Arno Sonderegger, in: Wulf D Hund (Herausgeber), Christian Koller (Herausgeber), Moshe Zimmermann (Herausgeber): Racisms Made in Germany (Racism Analysis Series B: Yearbook, Band 2) Taschenbuch,Verlag: LIT., 2011

Claudia Unterweger: Talking Back: Strategien Schwarzer österreichischer Geschichtsschreibung Taschenbuch, Zaglossus, 2016

Erwin Ebermann (Herausgeber): Afrikaner in Wien. Zwischen Mystifizierung und Verteufelung - Erfahrungen und Analysen, Gebundenes Buch, Verlag: LIT, 2007

Philipp Blom: Angelo Soliman - Ein Afrikaner in Wien Gebundenes Buch, Gebundene Ausgabe, Brandstätter Verlag, 2011

Niko Wahl (Autor), Tal Adler (Autor), Philipp Rohrbach (Autor): SchwarzÖsterreich: Die Kinder afro-amerikanischer Besatzungssoldaten, Taschenbuch, Löcker Verlag, 2016

Anna Steinbauer: Dipl: "Das Afrikabild in österreichischen GW-Schulbüchern
der fünften und achten Schulstufe: Über die Darstellung eines Kontinents und die daraus resultierende Wahrnehmung von politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturen", Wien, 2017


Paula Pfoser (Autor): Bilder der Dekolonisation: Afrika-Repräsentationen im frühen österreichischen TV, Taschenbuch, Zaglossus, 2016


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