Containerfrachter Rio Grande Express im Waltershofer Hafen

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Punkt eins

Seeleute: Einsam, unsichtbar, gefährdet

Live aus der Deutschen Seemannsmission in Le Havre: Die Arbeitsbedingungen in der maritimen Industrie. Gast: Silvie Boyd, Diakonin, Leiterin der Deutschen Seemannsmission in Le Havre, Frankreich. Moderation: Alexander Musik. Anrufe 0800 22 69 79 | punkteins(at)orf.at

In der Straße von Hormus sitzen seit Monaten um die 20.000 Seeleute fest, so die Internationale Seeschifffahrtsorganisation (IMO). Sie sind dem Kriegsgeschehen vor Ort unmittelbar ausgesetzt: Drohnenüberflüge oder direkte Angriffe auf ihre Schiffe durch iranische Marinesoldaten kennen viele Seeleute nicht nur vom Hörensagen. Essen und Trinkwasser werden knapp; Unsicherheit und die Angst vor Überfällen sind allgegenwärtig.

Die Ereignisse in der Straße von Hormus beherrschen seit Wochen die Nachrichten; doch Angriffe auf Schiffe, etwa durch Piraten, gibt es auch anderswo, dazu schwere See und Unfälle an Bord.

"In der maritimen Industrie ist es immer noch nicht angekommen, dass da echte Menschen an Bord sind", sagt Silvie Boyd, Diakonin und Leiterin der Deutschen Seemannsmission im nordfranzösischen Le Havre, dem bedeutendsten Containerhafen Frankreichs, der aufgrund seiner Lage und seinem Ausbau als Tiefwasserhafen auch von den größten Handelsschiffen aus aller Welt angelaufen wird. Und Boyd ergänzt in einem jüngst ausgestrahlten Beitrag des Nachrichtensenders "franceinfo": "In diesem Geschäft treffen menschliches Elend, Ausbeutung und moderne Sklaverei zusammen."

Boyd und ihr ehrenamtliches Team von der Deutschen Seemannsmission machen Schiffsbesuche und organisieren Landgänge für Seeleute - Matrosen wie Offiziere - , die oft monatelang kein Festland betreten haben. Das liege oft gar nicht an den Kapitänen, die ihnen keine Erlaubnis gäben, das Schiff zu verlassen, sagt Boyd, die zuvor viele Jahre in der Deutschen Seemannsmission in der Hafenstadt Douala in Kamerun gearbeitet hat - vielmehr an den Reedereien und Agenturen, die im Hintergrund die Fäden ziehen und den Schiffscrews und ihren Bedürfnissen oft gleichgültig gegenüber stehen.

90 Prozent des Welthandels werden über den Schiffsverkehr abgewickelt, denn es ist mit Abstand am billigsten, Waren über die Meere in Containern rund um den Globus zu transportieren. Dennoch geraten die Menschen, die dafür sorgen, dass die viel beschworenen Lieferketten eingehalten werden, selten in den Blick der Verbraucherinnen und Verbraucher. "Seeblindheit" nennt das Silvie Boyd, die mit ihrer Arbeit den Seeleuten vermitteln will, dass sie wenigstens für die - immer kürzere - Zeit, in denen die Schiffe vor Anker liegen, wieder wie Menschen behandelt werden.

Silvie Boyd holt die Seeleute, deren Schiffe in der Regel unzugänglich kilometerweit weg von der Stadt im Hafenbecken liegen, im Kleinbus ab, organisiert dringende Arzt- oder Krankenhausbesuche und ist auch immer ansprechbar, um mit den und für die Seeleute zu beten, falls sie dies wünschen. Denn die Besatzungen stammen oft aus den Philippinen; ihr katholischer Glaube ist ihnen sehr wichtig, nicht zuletzt, um Einsamkeit, Monotonie an Bord und Gefahrensituationen zu überstehen.

Alexander Musik diskutiert mit Silvie Boyd, Diakonin und Leiterin der Deutschen Seemannsmission in Le Havre über die Arbeitsbedingungen von Seeleuten, ihre "Unsichtbarkeit" in den Augen der Weltöffentlichkeit und die Angebote der Seemannsmission, sie bei Landgängen und Bordbesuchen zu unterstützen.

Wie immer sind Sie eingeladen, mitzudiskutieren: Anrufe kostenlos aus ganz Österreich unter 0800 22 69 79; E-Mails an punkteins(at)orf.at

Wie hoch ist die körperliche und psychische Belastung für Seeleute an Bord eines Handelsschiffes? Welche Vorschriften gelten für Besatzungen auf hoher See? Wie wirkt es sich für sie aus, wenn das Schiff unter der (Billig-)Flagge Liberias oder Panamas fährt? Wie lange sind Seeleute unterwegs, bevor sie wieder nach Hause kommen? Was bringt Menschen dazu, sich für ein Leben an Bord eines Schiffes zu entscheiden? Wie hat sich die Seefahrt durch digitale Logistik verändert?

Sendereihe

Gestaltung

  • Alexander Musik