Betrifft: Geschichte
Am häuslichen Herd
Die Rolle der Frau im Weinviertel des 19. Jahrhunderts. Mit: Veronika Plöckinger-Walenta, Volkskundlerin und wissenschaftliche Leiterin im Weinviertler Museumsdorf Niedersulz. Gestaltung: Barbara Volfing.
15. September 2026, 15:55
"Der Frauen edelster Beruf, zu dem sie Gott der Herr erschuf, ist stets im Hause still zu walten, mit Fleiß die Ordnung zu erhalten." Auf vier Kastenbrettstreifen findet sich dieser Spruch gestickt, als Zierde an der Vorderkante der Fächer eines Kleiderkastens. Besagter Kleiderkasten steht in der Hofmühle im Museumsdorf Niedersulz im Weinviertel. Sprüche wie dieser finden sich auch auf Zierdeckchen, Wandschonern oder anderen Textilien, die den Wohnbereich verschönern sollen.
Darin zeigt sich ein bürgerliches Idealbild weiblicher Häuslichkeit, das der historischen Wirklichkeit des 19. Jahrhunderts kaum standhält. Gerade im ländlichen Bereich sind Frauen in die ökonomische Stabilität des Familienbetriebes eingebunden: in die Stallarbeit, in die landwirtschaftliche Produktion, die Garten- und Feldarbeit. Die Versorgung der Kinder und des Haushalts kann durch diese Tätigkeiten nicht ausschließlich durch die Mutter bewältigt werden.
Als wesentlicher Bestandteil des Betriebsalltags fließt die Arbeit von Frauen auch in Handwerksbetrieben in die Produktion, in den Verkauf oder in die administrative Organisation ein. Ein Blick in die Wohnstuben zeigt zudem, dass auch die dem Eheglück sprichwörtlich innewohnende Liebe und Harmonie ein Motiv der Spruchdeckchen bleiben. Worüber nicht gedichtet wird: Die Ehe ist weit mehr als eine persönliche Entscheidung. Es sind die sehr realen Faktoren wie die soziale Stellung oder notwendige Vermögenswerte, die die Wahl des Ehepartners mitbestimmen. Die Ironie der Situation ist mitunter gestickt an der Wand zu lesen: "Ewig Dein, wenn's nöt lang dauert".
Welche gesellschaftlichen Realitäten verbergen sich also hinter diesen wohlgemeinten oder ironischen Sprüchen? Dieser Frage geht die aktuelle Sonderausstellung "Am häuslichen Herd sei Glück dir beschert - gestickte Klischees um 1900" nach, die noch bis 1. November im Weinviertler Museumsdorf Niedersulz zu sehen ist. Veronika Plöckinger-Walenta hat diese Schau kuratiert und wirft einen Blick hinter die Spruchdeckchen auf den Alltag der Frauen im 19. Jahrhundert.
Service
"Am häuslichen Herd sei Glück dir beschert" - gestickte Klischees um 1900
Sonderausstellung bis 1. November 2026
9:30 bis 18:00 Uhr (letzter Einlass 17:00 Uhr)
Weinviertler Museumsdorf Niedersulz
Am Schmalzberg 1
2224 Niedersulz
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Gestaltung
- Barbara Volfing
