Zwischenruf
Anderssein nicht als Makel begreifen
von David Weiss, Kulturanthropologe und ehrenamtlicher Seelsorger der evangelisch-lutherischen Kirche
11. Oktober 2026, 06:55
Ein Student fragte die berühmte Anthropologin Margaret Mead, was das früheste Zeichen für Zivilisation sei. Margaret Mead nannte den ältesten gefundenen, einmal gebrochenen und wieder verheilten menschlichen Oberschenkelknochen als Beweis für Zivilisation.
Für ein Tier in freier Wildbahn bedeutet ein Beinbruch den sicheren Tod. Der geheilte Knochen zeigt, Geduld, Empathie und die Bereitschaft, sich um sogenannte Schwächere zu kümmern ist in diesem Kontext die Essenz der Zivilisation. Prähistorische Gesellschaften suchten sogar den Rat und die Führung von Menschen außerhalb der gängigen Norm. Unsere Vorfahren haben diesen Personen einen hohen Gesellschaftsrang zugeschrieben, keinen bedürftigen wie heutzutage.
Das beweisen die reichen außergewöhnlichen Bestattungen der Archäologie. Zum Beispiel der Schamanin von Bad Dürrenberg (Mesolithikum/ Mittelsteinzeit) oder der Fürstin von Vix (frühe La Tène-Zeit/ Kelten). Die Überreste beider Frauen zeigen bis heute medizinisch nachweisbare physische und darauf fußende mentale Pathologien. Von der Mehrheit der Bevölkerung sind weder Bestattungen noch andere Überreste erhalten. Von diesen beiden Frauen, die anders waren, sehr wohl.
Von den Amish-People in den USA heißt es, sie betrachten Kinder mit Behinderung, vor allem mit Trisomie 21, als besonderes Geschenk Gottes. In den kleinen, landwirtschaftlich geprägten Gemeinschaften sind sie selbstverständlicher Bestandteil des Alltags. Sie gehen zur Schule und erledigen ihre Aufgaben - wie das Füttern von Tieren - sie haben ihren festen Platz in der Familie, in der Dorfgemeinschaft und sind in das geistliche Leben - Unterweisung, Gebet und Gottesdienst - voll integriert. Beispiele wie diese zeigen: Anders zu sein wurde und wird in den verschiedenen Kulturen nicht notwendigerweise als Makel betrachtet. Im Gegenteil: Andersartigkeit kann mit Respekt, ja mit Hochachtung zur Kenntnis genommen werden.
Damit will ich nichts beschönigen oder romantisieren. Ich bin dafür, Behinderungen bzw. psychische Erkrankungen sehr ernst zu nehmen und Personen, die damit leben, die bestmögliche medizinische Begleitung zukommen zu lassen. Weltweit leben 1,2 Milliarden Menschen mit einer psychischen Krankheit, das ist mehr als ein Achtel der Weltbevölkerung, das berichtete das Fachmagazin Lancet im Mai dieses Jahres.
Und übrigens: Viele meinen, dass es nicht einzelne Personen sind, die den Verstand verloren haben sondern dass hier eine ganze Zivilisation ins Pathologische driftet. Etwa weil sie ihre eigene Lebensgrundlage zerstört - die Natur. Und weil sie Formen von künstlicher Intelligenz erschafft, deren Bedrohungspotenzial niemand seriös abschätzen kann. Ich finde, es ist wieder an der Zeit, auf Fragen, die unter den Nägeln brennen, Antworten jenseits des Gewöhnlichen zu suchen. Menschen, die in irgendeiner Weise anders sind, in die Gesellschaft hereinzuholen, auf ihre Stimmen zu hören und sie ernst zu nehmen. Die Steinzeitmenschen von Bad Dürrenberg haben das verstanden.
Sendereihe
Gestaltung
Playlist
Komponist/Komponistin: Mike Oldfield
Gesamttitel: THE BEST OF MIKE OLDFIELD: 1992-2003
Titel: Indian lake/instr.
Ausführende: Mike Oldfield /Instrumental
Länge: 03:24 min
Label: Warner Music 2564623328 (Doppelalbum)
Komponist/Komponistin: Mike Oldfield
Gesamttitel: THE BEST OF MIKE OLDFIELD: 1992-2003
Titel: Early stages/instr.
Ausführende: Mike Oldfield /Instrumental
Länge: 04:10 min
Label: Warner Music 2564623328 (Doppelalbum)
