ORF/URSULA HUMMEL-BERGER
Gedanken für den Tag
Maikäfer flieg
Heinz Janisch, Journalist und Autor, zum 90. Geburtstag von Christine Nöstlinger
14. Oktober 2026, 06:57
Wie erleben Kinder den Krieg? Wie fühlt er sich an? Wie klingt er? Wir sind näher dran als wir glauben und wollen es doch nicht wahrhaben.
In unseren Schulklassen sitzen Kinder, die den Krieg am eigenen Leib erfahren mussten. Oft wollen sie nicht darüber reden. Wie kann man von dieser Angst vor Bombenangriffen erzählen, vom Warten in feuchten Kellern, vom Hoffen, dass das eigene Haus noch steht, wenn man wieder nach oben geht?
Christine Nöstlinger hat davon erzählt, und das sehr eindrücklich. Wer ihr Buch "Maikäfer flieg" liest wird viele Bilder im Kopf haben, die im Gedächtnis bleiben. Da gibt es die schwerhörige Großmutter, die so rasch wütend wird und so laut auf den Führer schimpft, dass man ständig um ihr Leben fürchten muss. Oder da gibt es die Hanni-Tante, die bei Bombenangriffen in keinen dunklen Keller will und schreiend auf den Straßen herumläuft. Bis man ihren toten Körper unter einem bombardierten Haus findet - ohne Kopf.
"Ich war acht Jahre alt". So beginnt das Buch "Maikäfer flieg!", und schon ist man mittendrin in der Geschichte, schon hört man den Krieg. Aus dem Radio in der Küche kommt zuerst Marschmusik, dann folgen schnarrende Stimmen und dann der Schrei eines Kuckucks, das Signal dafür, dass feindliche Kampfverbände im Anflug sind. Der Kuckuck schreit, die Sirenen heulen, die Großmutter flucht, weil sie grad am Erdäpfelschälen ist, und dann hört man in der Luft ein Sausen und ein Brausen, die Bomben fallen, es kracht da und dort, die Flieger dröhnen, Häuser stürzen ein, Leute schreien.
Und immer wieder wird es plötzlich still. Bis zum nächsten Angriff. Bomben zischen durch die Luft, sie sind lauter als alles, was das Kind je gehört hat. Der Lärm drückt gegen den Kopf, er saust in den Ohren, er brennt in der Nase, er macht den Hals eng. Bis endlich die Kellertür knarrend aufgeht und man die Stiegen hinab stolpert und rutscht, hinein ins ängstliche Flüstern im dunklen Keller. Wie klingt der Krieg? Im Buch "Maikäfer flieg" wird er hörbar.
"Es war schon lange Krieg. Ich konnte mich überhaupt nicht daran erinnern, dass einmal kein Krieg gewesen war". So ist es gleich auf der ersten Seite im Buch zu lesen. "Es war schon lange Krieg." So werden Menschen einst von ihrer Kindheit erzählen, so wie Christine Nöstlinger in "Maikäfer flieg." Es ist Krieg, immer noch und immer wieder, und das sollte uns alle beschämen.
Service
Sendereihe
Gestaltung
Übersicht
Playlist
Komponist/Komponistin: Kurt Schwertsik geb.1935
Album: Kurt Schwertsik: Die Klavierwerke
* ... für Mario Venzago
Titel: Albumblätter für Klavier
Solist/Solistin: Aya Klebahn
Länge: 02:37 min
Label: Gramola 99209
