ORF/URSULA HUMMEL-BERGER
Gedanken für den Tag
Da geht einer vorbei
Heinz Janisch, Journalist und Autor, zum 90. Geburtstag von Christine Nöstlinger
15. Oktober 2026, 06:57
"Es war einmal einer, der hatte niemanden und nichts." Ein Buch, das so anfängt, lässt einen kurz schlucken. Und es geht so weiter:
"Der hatte keinen Vater und keine Mutter und keinen Bruder und keine Schwester und keinen Freund und keine Frau." Die radikale Bestandsaufnahme bleibt gnadenlos. "Der hatte kein Haus und kein Bett und keinen Tisch und keinen Geldbeutel und kein Buch und keinen Regenschirm." Man liest, und es fröstelt einen ein wenig. Kann es noch schlimmer werden? Ja, das kann es. "Der hatte nicht einmal einen Namen. Wenn die Leute von ihm sprachen, sagten sie "Da kommt einer" oder "Da will einer ein Stück Brot" oder "Da friert einer im Regen" oder "Da schläft einer am helllichten Tag auf der Wiese" oder "Da hat einer ein Bier gestohlen" oder "Da geht einer vorbei".
So beginnt das Buch "Einer" von Christine Nöstlinger mit Bildern von Janosch. "Einer" berührt, ab der ersten Zeile. Weil wir einen kennen, der gestern so allein und verloren, wie "Einer" im Buch an uns vorbeigegangen ist? Weil wir viele nicht beachten, die im Regen frieren oder am helllichten Tag auf der Wiese schlafen oder ein Stück Brot wollen? Hat das Unbehagen beim Lesen mit unserem schlechten Gewissen zu tun, weil wir oft nicht hinsehen wollen, wenn da einer kein Haus und kein Bett hat? Oder steckt auch eine tiefe Angst dahinter- könnten nicht auch wir eines Tages diese Einsamkeit und Verlorenheit erleben, wenn so Manches schief geht, wenn man nicht beizeiten gut umgeht mit sich und den anderen und dem Leben?
Ist dieser Einer aus dem Buch einer vor uns oder vielleicht sogar einer in uns, einer, der um den Schrecken, aber auch um die Schönheit des Alleinseins weiß? Christine Nöstlinger schickt Einer lange durch die Welt bis er ein Zuhause findet - in einem Zirkus, einem fahrenden Zuhause, das Bescheid weiß über das Ankommen und das Weggehen. In so einem fragilen Zuhause findet Einer Halt und eine Frau und ein Kind, er wird zum Einzelgänger mit Familie, der gerne Da ist, und dennoch vom Dort träumt.
Und so lernen wir mit Einer, dass einer, der immer draußen war, sich nicht so leicht zurechtfindet im Drinnen, dass er immer wieder für einige Zeit raus muss, wie ein Zugvogel, den es an kalten Tagen in den Süden zieht. "Wenn man wiederkommen will, muss man zuerst einmal weggehen", heißt es im Buch. Einer liebt seine Familie und sein Zuhause, aber er braucht immer wieder auch ein kleines Stück Freiheit. Davon erzählt Einer. Von der Schwierigkeit, bei sich selbst anzukommen und trotzdem auch für andere da zu sein, ein Wechselspiel von Heimweh und Fernweh. Einer hat viel mit uns gemeinsam. Mehr als wir uns vielleicht eingestehen wollen.
Service
Sendereihe
Gestaltung
Übersicht
Playlist
Komponist/Komponistin: Kurt Schwertsik geb.1935
Album: Kurt Schwertsik: Die Klavierwerke
* ... für Christa
Titel: Albumblätter für Klavier
Solist/Solistin: Aya Klebahn
Länge: 02:57 min
Label: Gramola 99209
