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Diagonal
"Ich möchte seicht sein!" - Elfriede Jelinek
"Ich will kein Theater!" schreibt Elfriede Jelinek 1983 in ihrem programmatischen Text "Ich möchte seicht sein!". Damals formuliert Jelinek einen Gründungstext des postdramatischen Theaters. Längst verfasst die Literaturnobelpreisträgerin keine klassischen Theatertexte mit Regieanweisungen, Figuren und Dialogen mehr. Im August 2026 wurde Elfriede Jelineks Stück "Unter Tieren" uraufgeführt. Die österreichische Literaturnobelpreisträgerin sendet Nachrichten aus dem posthumanen Zeitalter. Denn, so Jelinek, in ihrem letzten Stück sollen nur noch Tiere sprechen. Am 20. Oktober feiert Elfriede Jelinek ihren 80. Geburtstag. Aus diesem Anlass jagt "Diagonal" Jelineks Gespenster.
17. Oktober 2026, 17:05
Früher begegnete man ihr bisweilen in den Straßen von Wien. In der S-Bahn, die von Hütteldorf in die Innenstadt fährt. Sie saß im Café Bräunerhof, oder vertiefte sich im nicht minder traditionsreichen Café Korb in eine Zeitung. Das Haar trug sie stets zu einer kunstvollen Tolle frisiert. Die Adidas-Jacke kombinierte sie zu sportlichen Sneakers. Elfriede Jelinek war eine Erscheinung.
"Mit all meiner kostbaren Kleidung, diesen Haufen und Haufen von Stoff, bestehend aus reinen Grundlinien, von denen aus all die Pässe, die Treibbälle gespielt werden, gut gezielt, aber nur einmal, nein, zweimal wirklich gut getroffen, mit all diesen Fetzen, bald flächig, bald voluminös gebauscht, will ich vortäuschen, ich hätte darunter gar keinen Körper.", schreibt Elfriede Jelinek im Theatermonolog "Jackie", in dem die tote Jaqueline Kennedy-Onassis aus dem Jenseits spricht. Ein Gespenst. Eine Untote.
Die einstige First-Lady spukt durch den Text. Sie kommt nicht zur Ruhe, weil sie nie in sich selbst ruhen durfte, weil der weibliche Körper zumindest bei Elfriede Jelinek immer zur Einschreibfläche patriarchalischer Macht wird. Jelineks Texte sind Zeitzeugnisse, die mit seismographischer Präzision jenen Moment festhalten, in dem das Heimelige ins Unheimliche kippt, das sie - wo sonst! - in Österreich findet.
Gespenster gehen um in den Texten Elfriede Jelineks. Untote, Zombies, Vampire bevölkern ihre sprachgewaltigen Textplateaus. Die österreichische Geschichte gerät unter Elfriede Jelineks Blick zum Gespensterszenario. Die Toten, sie kehren zurück als Untote und sind das Sinnbild einer Vergangenheit, "die nie ganz tot ist und aus der immer die Hand aus dem Grabe wächst." 1995 erscheint der Roman "Die Kinder der Toten". Ein Kondensat der Jelinek´schen Motivik. Ein Gespensterroman. Die Toten des Holocaust, die eilig verscharrt wurden, suchen uns wieder heim. Die Hauptfiguren des Romans sind samt und sonders Untote, blutrünstige Alpenzombies.
Jelineks Figuren werden nicht psychologisch ausgeleuchtet. Die Schauspieler werden vielmehr zu körperlichen Gefäßen, die Diskursflächen deklamieren - Plattitüden, gefährliches Halbwissen, Alltagsweisheiten in portionierten Häppchen. Denn es ist die Sprache, die in Elfriede Jelineks Stücken die Hauptrolle spielt. In ihren jüngeren Theatertexten hat die Schriftstellerin die Dialogstruktur gänzlich aufgegeben.
Sie selbst spricht despektierlich von ihren "Textwürsten", die sie als kongeniale Partnerin des Regietheaters dem Regisseur hinwirft. Und besonders häufig wirft sie diese dem deutschen Regisseur Nicolas Stemann hin. Er gilt seit Jahren als Jelineks Lieblingsregisseur. Zuletzt inszenierte er bei den Salzburger Festspielen 2026 Jelineks aktuelles Stück "Unter Tieren", glaubt man der Autorin, womöglich ihr letztes Stück.
Mit Beiträgen von Wolfgang Seibel, Peter Zimmermann, Thomas Miessgang, Klaus Kastberger, Daniela Strigl und Andrea Hauer.
Service
Bärbel Lücke, "Jelineks Gespenster. Grenzgänge zwischen Politik, Philosophie und Poesie", Passagen Verlag
Elfriede Jelinek
Forschungsplattform Elfriede Jelinek, Universität Wien
Podcast "Diagonal gefragt" - sound.orf.at
Podcast "Africa Now! Berichte aus dem Süden" - sound.orf.at
Podcast "Diagonal Stadtporträts" - sound.orf.at
Sendereihe
Gestaltung
Übersicht
Playlist
Komponist/Komponistin: Franz Schubert/1797 - 1828
Vorlage: Elfriede Jelinek/geb.1946
Gesamttitel: LA PIANISTE / Original Filmmusik
Titel: Sonate für Klavier Nr.20 in A-Dur DV 959 / daraus der 2.Satz : Andantino
Anderer Gesamttitel: DIE KLAVIERSPIELERIN / Original Filmmusik
Solist/Solistin: Michel Dalberto /Klavier
Länge: 04:00 min
Label: mk2 music/East West France/War
Komponist/Komponistin: Sergej Rachmaninoff
Vorlage: Elfriede Jelinek
Gesamttitel: LA PIANISTE / Original Filmmusik
Titel: Prelude für Klavier in g-moll op.23 Nr.5
Anderer Gesamttitel: DIE KLAVIERSPIELERIN / Original Filmmusik
Solist/Solistin: Nikolai Lugansky /Klavier
Länge: 03:48 min
Label: mk2 music/East West France/Warner 0927405662
Komponist/Komponistin: Johann Sebastian Bach/1685 - 1750
Album: BACH: DAS ORGELWERK - Wolfgang Rübsam / Vol.4c
Gesamttitel: DIE KUNST DER FUGE BWV 1080 Nr.1 -5 - Orgelfassung
Titel: Nr.2 : Contrapunctus 2
Solist/Solistin: Wolfgang Rübsam /Orgel < Metzler, Frauenfeld >
Länge: 02:50 min
Label: Philips 4381892
Komponist/Komponistin: Olga Neuwirth/geb.1968
Textdichter/Textdichterin, Textquelle: Olga Neuwirth/geb.1968
Vorlage: David Lynch
Vorlage: Barry Gifford
Textdichter/Textdichterin, Textquelle: Elfriede Jelinek/geb.1946
Album: OLGA NEUWIRTH: "LOST HIGHWAY"
Titel: 2./ Intro (00:02:26)
Gesamttitel: LOST HIGHWAY / Musiktheater in 12 Szenen nach einen Drehbuch von David Lynch u. Barry Gifford von E.Jelinek u.O.Neuwirth / Gesamtaufnahme / 1.bis 6.Szene Beginn
Leitung: Johannes Kalitzke
Orchester: Klangforum Wien
Solist/Solistin: Constance Haumann /Renee, Alice
Solist/Solistin: Georg Nigl /Pete
Solist/Solistin: Vincent Crowly /Fred, Mechaniker
Solist/Solistin: David Moss /Mr.Eddy, Dick Laurent
Solist/Solistin: Andrew Watts /Mystery Man
Solist/Solistin: Kai Wessel /Andy, Mechaniker
Ausführender/Ausführende: Gavin Webber /Partygast, Gefängnisdirektor, Doktor, Arnie, Raucher, Die Stimme
Ausführender/Ausführende: Grayson Millwood /Al, Partygast, Mechaniker
Solist/Solistin: Rodolfo Seas Araya /Ed, Partygast, Mechaniker
Solist/Solistin: Lucas Rössner /Partygast, Wärter, Bill, Mechaniker
Solist/Solistin: Jodi Melnick /Partygast, Candace, Mechaniker
Ausführender/Ausführende: Olga Neuwirth /Sounddesign
Ausführender/Ausführende: IEM /Institut für Elektron.Musik u.Akustik d.Universität f. Musik u.Darstellende Kunst, Graz, Sounddesign, Mastering etc.
Länge: 02:26 min
Label: Kairos 0012542 KAI (2 SACD)
Komponist/Komponistin: Gustav Pick/1832 - 1921
Textdichter/Textdichterin, Textquelle: Gustav Pick/1832 - 1921
Bearbeiter/Bearbeiterin: Rudi Bohn
Bearbeiter/Bearbeiterin: musikalische Neufassung
Album: Das gibt's nur zweimal, Vol.2 - Stars von Damals in Stereo
Titel: Fiakerlied
Refrain: Mei Stolz is, i bin halt a echt's Weanerkind
Solist/Solistin: Paul Hörbiger /Gesang
Ausführende: Schrammelquartett Dietrich
Länge: 03:13 min
Label: Telefunken SLE 14772 P
Komponist/Komponistin: Anton Webern/1883 - 1945
Textdichter/Textdichterin, Textquelle: Li Tai Po/701 - 762
Textdichter/Textdichterin, Textquelle: August Strindberg/1849 - 1912
Textdichter/Textdichterin, Textquelle: Johann Wolfgang von Goethe/1749 - 1832
Album: ANTON WEBERN: DAS GESAMTWERK
* Schien mir's als ich sah die Sonne < aus: "Gespenstersonate" von August Strindberg > - Nr.3 (00:01:30)
Titel: Vier Lieder für Singstimme und Klavier op.12
Solist/Solistin: Heather Harper /Sopran
Solist/Solistin: Charles Rosen /Klavier
Länge: 01:33 min
Label: Sony SM3K 45845
Urheber/Urheberin: Maschanzka
Album: Tanzcafe Unterholz
Titel: Alpendilemma
Ausführender/Ausführende: Maschanzka
Länge: 00:50 min
Label: Green Lobster Recording Studio
