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Liebe und Tod

Das ORF Radio-Symphonieorchester Wien gastiert im August drei Mal bei den Salzburger Festspielen: Am 5. stehen Dvoraks Cellokonzert und Prokofjews Fünfte auf dem Programm (Aziz Shokhakimov), unter Chefdirigent Cornelius Meister erklingt am 12. u.a. "Siddhartha" von Claude Vivier, und der 28. ist Gérard Grisey gewidmet (Maxime Pascal).

12. August: Schönheit aus der Ruhe

Sein Leben war so unstet wie seine Musik: Der Kanadier Claude Vivier kannte seine Eltern nicht, flog wegen unreifen Verhaltens aus dem Priester-Seminar, studierte bei Stockhausen, übersiedelte nach Paris, reiste quer durch Asien und starb 1983 - keine 35 Jahre alt - durch die Hand eines Strichers. "Glaubst du an die Unsterblichkeit der Seele?" hieß sein letztes Werk, ein anderes "Wo bist du Licht?".

Cornelius Meister

ROSA FRANK

Cornelius Meister

Fernöstliche Einflüsse finden sich bereits im ersten von nur zwei Orchesterwerken, die Vivier hinterließ: in "Siddhartha" für großes Orchester in acht Gruppen, komponiert 1976, unmittelbar bevor der Komponist nach Japan, Bali und Thailand aufbrach.

"Siddhartha" steht im Mittelpunkt eines Konzertes, das Chefdirigent Cornelius Meister am 12. August 2017 bei den Salzburger Festspielen dirigiert (Ö1 18.8., 19.30). Eine Verbeugung, nicht nur vor Hermann Hesses weltberühmter "indischer Dichtung" von 1922 und nicht nur vor dem Buddhismus, den der historische Siddhartha Gautama gründete, sondern vielmehr vor dem Suchen. Auch die Musik in "Siddhartha" sucht und konzentriert sich nach kraftstrotzendem Beginn vermehrt auf kleine Ensembles, wird zarter und entwickelt Schönheit aus der Ruhe.

"Momente der Offenbarung"

"Ein Musiker sollte nicht Musik gestalten, sondern eher Momente der Offenbarung, Momente, in denen die Kräfte der Natur beschworen werden, Kräfte, die existierten und immer existieren werden, Kräfte, die Wahrheit sind", so Claude Vivier. Seine Musik findet jene Momente, die ihr Schöpfer im Leben verzweifelt suchte.

Von Viviers "Siddhartha" führt im Salzburger Konzert des ORF Radio-Symphonieorchesters Wien ein verborgener Weg zu "Tristan und Isolde", denn auch hier scheinen, vermittelt durch die Philosophie Arthur Schopenhauers, buddhistische Gedanken auf. Die Nähe von Liebe und Tod, ja das Umschlagen der einen in den anderen, hat Wagner so zwingend in Musik übertragen, dass er fürchtete, bei einer gelungenen Aufführung seiner "Handlung in drei Aufzügen" müssten die Zuhörer schier verrückt werden.

Tatsächlich empörte der legendäre "Tristan-Akkord", dessen Dissonanzen nicht aufgelöst werden, sondern sich ins Unendliche verzweigen, die Musikwelt bis ins 20. Jahrhundert hinein. Folgt, wie hier in der Salzburger Felsenreitschule, dem "Tristan-Vorspiel" der "Liebestod", so landet die Musik in tröstlichem Hafen.

Tod und Verklärung

Ein großer Verehrer von "Tristan und Isolde" war Richard Strauss, der das Werk als "höchste Erfüllung der 2.000-jährigen Entwicklung des Theaters" bezeichnete. Sein "Todes-Stück" schrieb er im lebenslustigen Alter von 24 Jahren, die Tondichtung "Tod und Verklärung". Anders als bei Claude Vivier sind in diesem Fall Parallelen zwischen Werk und Komponistendasein unangebracht. Strauss schildert die letzten Stunden eines Schwerkranken, der sein Leben Revue passieren lässt.

Tod und Verklärung sei "reines Fantasieprodukt", ließ der Komponist später wissen. "Krank wurde ich erst zwei Jahre danach." Und doch: Als Strauss 60 Jahre später im Sterben lag, befand er einen Tag vor seinem Tod: "Merkwürdig, das mit dem Sterben ist genauso, wie ich's in Tod und Verklärung komponiert hab'."

Im Innenleben der Töne

Zu Claude Vivier gesellt sich im Konzert des RSO Wien unter Cornelius Meister ein zweiter Außenseiter des 20. Jahrhunderts: der italienische Adelige Giacinto Scelsi, der sein Leben hinter einem buddhistischen Symbol versteckte, keine Fotos oder biografische Notizen von sich veröffentlichte und seine Musik lieber improvisierte als sich mit ihrer Niederschrift zu beschäftigen.

In "Hymnos", entstanden 1963, teilt Scelsi das Orchester in zwei Hälften, die sich die Klänge zuspielen. Dabei werden die Hörer/innen in das Innenleben einzelner Töne hineingezogen, Forschergeist und Esoterik gehen Hand in Hand. Aber Scelsi reduziert nicht, er fächert auf, lädt zu einer Reise in den Mikrokosmos der Musik ein. Dies erklärt, warum eine Musik seit den 1990er Jahren Kultstatus genießt.

Prokofjews Fünfte am 5. August

Drei Konzerte spielt das ORF Radio-Symphonieorchester Wien bei den Salzburger Festspielen. Neben dem Konzert des Chefdirigenten, dessen Werke durch zahlreiche offene und verborgene Linien miteinander verknüpft sind, präsentiert das RSO am 5. August 2017 jenen Dirigenten, der im vergangenen Jahr den Nestlé Young Conductors Award gewonnen hat (Ö1, 24.8., 19:30).

Aziz Shokhakimov, keine 30 Jahre jung, stammt aus Usbekistan und startete seine Laufbahn 2010 mit dem Zweiten Preis beim Gustav-Mahler-Dirigentenwettbewerb der Bamberger Symphoniker. Beim letztjährigen Salzburger Wettbewerbskonzert überraschte er mit einer energetischen Siebten Symphonie von Beethoven; für das Konzert mit dem RSO Wien wünschte er sich Prokofjews Fünfte.

"Ein Lied auf den freien Menschen"

Entstanden 1944, mitten im Zweiten Weltkrieg, schaut diese mitreißende Symphonie voller Tatkraft in die Zukunft und entlässt ihre Zuhörer mutiger, als sie den Konzertsaal betreten haben. In den Worten des Komponisten: "Mit der Fünften Symphonie wollte ich ein Lied auf den freien und glücklichen Menschen anstimmen, seine schöpferischen Kräfte, seinen Adel, seine innere Reinheit."

Dabei handelt es sich um keine eindimensionale Durchhalte-Musik, sondern um ein vielschichtiges Meisterwerk, auch wenn es sich an einen größtmöglichen Publikumskreis richtet. Prokofjew sollte in seiner nächsten Symphonie nachdenklichere Töne anschlagen, wodurch er sich prompt 1948 im Zuge der sowjetischen Formalismus-Debatte harscher Kritik aussetzte.

Der junge Cellist Andrei Ionita

Neben Prokofjew dirigiert Aziz Shokhakimov Antonin Dvoraks Cellokonzert, mit dem sich der erst 23-jährige Cellist Andrei Ionita dem Salzburger Publikum empfiehlt - eines der bemerkenswertesten Talente unter den jungen Cellisten. Er arbeitete mit Gidon Kremer, Steven Isserlis und Heinrich Schiff, trat in der Carnegie Hall, der Berliner Philharmonie und im Gasteig und Herkulesaal in München auf, vor allem aber gewann er 2014 den Zweiten Preis beim Internationalen ARD-Musikwettbewerb in München und ein Jahr später den Ersten Preis des Internationalen Tschaikowsky-Wettbewerbs in Moskau.

Im Finale interpretierte Andrei Ionita das erste Cellokonzert von Dmitrij Schostakowitsch.

"Les Espaces acoustiques" am 16. August

Das dritte Salzburger Konzert des RSO Wien öffnet am 16. August den "akustischen Raum" der Kollegienkirche: "Les Espaces acoustiques" gilt als Hauptwerk des französischen Komponisten Gérard Grisey (1946 bis 1998). Der zwischen 1974 und 1985 geschriebene sechsteilige Zyklus erlaubt eine umfassende Begegnung mit der Spektralmusik, die Grisey gemeinsam mit Tristan Murail entwickelte. Ausgehend von einem knapp 20-minütigen Bratschensolo fächert Grisey die Töne, ihre Obertonreihen und Klangspektren auf, was in den "Espaces acoustiques" zu einem Anwachsen des Orchesters führt; erst in den letzten beiden Stücken, "Transitoires" und "Epilogue", tritt das gesamte Orchester aus über 80 Musikerinnen und Musikern auf. Grisey sprach von einem "großen Laboratorium": "Manche Stücke haben sogar einen demonstrativen, fast didaktischen Aspekt, als wäre ich bestrebt gewesen, in der Euphorie dieser Entdeckung die Aspekte einer neuen Musiksprache, die ich nach und nach erfand, so klar wie möglich herauszustellen."

Vor allem aber ist der abendfüllende Zyklus ein eindrucksvolles Hörerlebnis, da Grisey die akustischen Räume in der Vorstellungskraft der Zuhörer auffächert. Von Griseys Klang-Laboratorium aus führt ein direkter Weg zu Wagner, Scelsi und Vivier: Zeit, sich auf den Klang zu besinnen und auf all das, was er zwischen unseren Ohren ins Leben ruft.

Text: Christoph Becher, Intendant des RSO Wien

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Salzburger Festspiele - 21. Juli bis 30. August 2017

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