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Musik

Stimmen hören

Donnerstag
26. September 2013
19:30

mit Chris Tina Tengel
Mit Gaetano Donizettis "English-Queens"-Trilogie: Edita Gruberova live im Theater an der Wien (Ausschnitte aus "Anna Bolena", "Maria Stuarda" und "Roberto Devereux")

"Sie muss noch lange nicht den Schleier nehmen", lautete das Kritikerurteil, wie Edita Gruberova vor dem Sommer der langen Reihe ihrer Belcanto-Primadonnenrollen eine weitere hinzufügte: Vincenzo Bellinis "La straniera", erstmals auf einer Opernbühne mit ihr im Opernhaus Zürich. Im Theater an der Wien hat sich Edita Gruberova bei ihrem Konzertauftritt am 20.9.2013 in drei britische Regentinnen verwandelt, die sie bereits durch viele Jahre ihrer Karriere begleitet haben: in Elisabeth I. ("Roberto Devereux"), Ann Boleyn ("Anna Bolena") und Mary Stuart ("Maria Stuarda"). Musik jeweils von Gaetano Donizetti, instrumentale Partner am Podium: die Musikerinnen und Musiker des ORF-Radiosymphonieorchesters Wien unter der Leitung von Peter Valentovic.

Gaetano Donizettis "Tudor-Königinnen"

Welche Opernorchester Gaetano Donizetti hat hören müssen - unvorstellbar! "Il maestro orgasmo" (kein Einfall der Nachgeborenen! Zeitgenoss/innen nannten ihn tatsächlich so!) komponierte eine Drei-Stunden-Oper im besten Fall in nicht einmal drei Wochen, für die komplette Einstudierung blieb oft noch weniger Zeit.

Bei der Premiere war der Komponist im Regelfall musikalischer Leiter: mit irgendeinem Tasteninstrument in Reichweite, im Orchestergraben nächst der Bühnenrampe postiert; die mehr oder weniger sattelfesten Instrumentalisten (mit dem daher doppelt wichtigen Konzertmeister) hatte er im Rücken. Für den Fall, dass plötzlich Instrumente ausfielen oder das Theater schlicht sparen musste, sprang der Komponist am Tasteninstrument in die Bresche. Opern-"Originalklang" im frühen 19. Jahrhundert.

Diva des 19. Jahrhunderts

Aber ging es nicht in erster Linie ohnehin um Gesang, Gesang und nochmals Gesang? Der Divenkult ist keine Erfindung unserer Tage. Nehmen wir Maria Malibran, deren Nachruhm es nicht schadete, dass sie 1836 mit nur 28 Jahren nach einem tragischen Reitunfall verstarb. Es wurden Romane über sie geschrieben, die Salons musikliebender Häuser waren voll von Malibran-Devotionalien - Stiche, Medaillons, Porzellan. Von ihr gesungene Melodien gingen in Druck, von ihr getragene Roben machten Mode, die Zeitungen meldeten Auftritte und (kolportierte) Fehltritte "der" Malibran mit den gleichen Riesenlettern. Und natürlich schrieben die Musikschaffenden der Ära mit Vorliebe extra für sie, deren Name allein für "Publicity" garantierte.

Maria Malibran hob am Mailänder Teatro alla Scala die Titelpartie von "Maria Stuarda" von Gaetano Donizetti aus der Taufe: eines der beliebten zeittypischen Opern-"Biopics" rund um Mary, Queen of Scots. Der Handlungsverlauf entspricht Friedrich Schillers Drama mit der hinzuerfundenen Konfrontation zwischen Mary Stuart und Königin Elizabeth I.; Märtyrerin Maria als Lichtgestalt, die Queen als ihr hasserfüllter, eifersüchtiger Bühnen-Widerpart - so machen Königinnen-Opern Opern-Königinnen.

Königin des Belcanto

Eine regierende "Königin des Belcanto" tritt im 46. Karrierejahr mit dem ORF Radio-Symphonieorchester Wien unter der Leitung von Peter Valentovic auf: Edita Gruberová. Als sie sich vor dreieinhalb Jahrzehnten erstmals in dieses Fach vorwagte, waren eine Joan Sutherland, eine Montserrat Caballé, eine Beverly Sills die Regentinnen. In die erste Reihe vorgearbeitet hat sich Edita Gruberová mit dem größten persönlichen Einsatz, schwindender Kompromissbereitschaft samt Vertrauen in die eigene Überlegenheit - und ohne Scheu davor, zu Krisen und Geburtstagen zu stehen.

Melomaninnen und Melomanen von Barcelona bis Tokyo sind die Gruberová-Kantilenen das Höchste, und in Wien ist es der Sopranistin vollends gelungen, mehr als zwei Generationen von Opernfans davon zu überzeugen, dass Bellini und Donizetti so "gehen", wie sie deren Musik auffasst - nur so, und nur mit ihr!

Begeisterung für Schottland als Schauplatz

Nichts Neues unter der Musiktheater-Sonne? Den "Durchbruch" von Gaetano Donizetti als Schöpfer des affektreichen Melodrams markiert der 26. Dezember 1830, das Uraufführungsdatum der "Anna Bolena". Als wären sie einem düsteren Gemälde entstiegen: Heinrich VIII. und zwei seiner Frauen, die "abgelegte" und am Ende zum Schafott geleitete Anne Boleyn sowie deren Nachfolgerin an "Enricos" Seite, Jane Seymour, sind die Hauptpersonen; ein Tenor steht bereit, Anna zu kompromittieren, auf dass das Schicksal seinen Lauf nehme.

Auch der Name der ersten Anna Bolena scheint im Buch der allergrößten Belcanto-Interpretinnen in goldenen Lettern auf: Giuditta Pasta, die, wenn man so will, die Maria Callas der Ära war, Bellinis Ur-Norma, zugleich eine gefeierte Rossini-Sängerin, die in Wien das Rossini-Fieber der Schubert-Zeit anzufachen half. Im Anschluss an Rossinis Opernversion der "Lady of the Lake" nach Walter Scott, "La donna del lago", war die italienische Melodramen-Romantik versessen auf England, speziell Schottland als Schauplatz: nebelverhangen, mondbeschienen und bei Bedarf blutrünstig. Donizetti wird dieser Mode noch mehrfach folgen, z. B im "Roberto Devereux", wo noch einmal Elizabeth I. - dann gealtert - im Zentrum steht: Nummer drei seiner heute gerne im Zusammenhang gesehenen "Tudor-Königinnen"-Opern.

Interpreten von imperialem Format

So findet sich das Opern-Biotop belebt von Primadonnen und "primi uomini", von "Königinnen der Koloratur", Regenten des hohen C, "rei dei bassi" im tiefen Register. Und bevölkert von gekrönten Häuptern mit historischem Background.

Die Oper, ein royales Vergnügen? Nur der spätere Mozart und alles, was im Schlepptau der Französischen Revolution an zeittypischem Musiktheater entstand, kommen weitgehend ohne Kaiser/innen, König/innen, Fürst/innen aus. Wie sieht es die "Zauberflöte": Tamino "ist Fürst? Mehr: Er ist Mensch!" Und sind nicht auch die Belcanto-Königinnen dann am berührendsten, wenn sie scheitern, zerbrechen, von Librettisten und Komponisten in den melodienumflorten Tod geschickt werden? Mag auch die Bühnenfigur ihr Leben aushauchen: Die Melodie erhebt sich über sie - und wartet auf die nächste Interpretin von imperialem Format.

Gestaltung: Chris Tina Tengel · zur Sendereihe

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