Mahler als Maß

Gustav Mahler ist - wie jede herausragende schöpferische Persönlichkeit - nicht nachahmbar. Aber Mahler war sowohl als menschliche Erscheinung als auch mit seiner Musik ein Maß, an welchem sich nachfolgende Komponisten selbst messen wollten.

"Was geht in Mahles Musik vor? 20. Jahrhundert!" - Der Kritiker Julius Leopold Korngold drückte mit dieser Formulierung genau das aus, was viele um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert junge Komponisten geradeso empfanden. Anton Webern und Alban Berg maßen Mahlers Musik etwas Endgültiges bei, etwas, an dem kein schöpferischer Mensch vorbeikommt.

Als "Balladen der Nacht" wurden seine Symphonien auch schon sehr früh bezeichnet - und wenn sich die Hörenden nicht täuschen lassen von vorgeblicher Volkstümlichkeit, wie sie in manchen ländlerartigen Phrasen oder auch im Finale von den "himmlischen Freuden" anklingt, so gilt das vollinhaltlich auch für die Vierte Symphonie, in deren zweiten Satz ja "Freund Hein" persönlich aufspielt.

Im Banne Mahlers

Natürlich ist Mahler - wie jede herausragende schöpferische Persönlichkeit - nicht nachahmbar. Berg und Webern sind denn auch hörbar ihre eigenen und gänzlich anderen Wege gegangen. Aber Mahler war sowohl als menschliche Erscheinung als auch mit seiner Musik ein Maß, an welchem sie sich selbst messen wollten und an welchem sie sich auch in ihrer Andersheit messen lassen wollten.

Vielleicht ist diese hohe Wertschätzung retrospektiv noch besser nachvollziehbar, wenn man das ganze 20. Jahrhundert vor sich Revue passieren lassen kann und merkt, welche Abgründe Mahler hörbar machte, gleichsam Schrecken und Grausen der nachfolgenden Jahrzehnte vorausahnend und prophetisch darstellend. Und in der Wahrnehmung dieser nur allzu schwarzen Löcher eines Saeculums sind ihm Berg und Webern zweifellos gefolgt - um ihm in dieser Fähigkeit auf ihre Weise durchaus ebenbürtig zu werden.

Mahlers Pathos in mahlerloser Zeit

1940 - als die Nationalsozialisten Mahlers Musik verboten hatten - schrieb Theodor Berger seine "Chronique Symphonique" als "musikalisches Gleichnis zum Zeitgeschehen". Der 1905 im niederösterreichischen Traismauer geborene Komponist steht dabei nicht an, musikalische Topoi anzuwenden, wie er sie bei Mahler zu finden wusste. Auch den bizarren, den nächtlich-düsteren Klang des mahler'schen Orchesters versteht er hier seiner eigenen Tonsprache nutzbar zu machen.

Bergers hörbar gemachte Sicht der Zeitdinge erregte noch nach dem Krieg in Berlin einen veritablen Skandal. Die Nachkriegswelt mag sich wohl nochmals verstört gefühlt haben durch das, was ihr da vorgespielt wurde als Dokument eigener, nur allzu naher Vergangenheit.

Nachdem Mahler längst wieder heimisch ist in unserem Musikleben können wir an ihm selbst aber auch an seinen großen Bewunderern ermessen wie schwer, aber auch wie erkenntnisfördernd es ist, sich in den Bann seiner Musik ziehen zu lassen.

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