Spion oder nicht Spion?
Mein Leben als CIA
Harry Mathews' 2005 veröffentlichter autobiografischer Roman "My life in CIA" schlug wie eine Bombe ein. Ist die Geschichte echt oder erfunden? Harry Matthews bleibt auf diese Frage die antwort schuldig. Wie auch immer, unterhaltsam ist der Roman allemal.
8. April 2017, 21:58
Wenn auf eine lebende Persönlichkeit der Titel "Ein Amerikaner in Paris" zutrifft, dann auf den Schriftsteller Harry Mathews. Den 1930 in New York Geborenen zog es schon mit 20 Jahren nach Frankreich, wo er die damals noch unbekannte Niki de Saint Phalle heiratete. In den 1970er Jahre stieß er zur französischen Dichtergruppe Oulipo, die sprachspielerisch und mit mathematischer Präzision Literatur verfasste. Kein Geringer als Georges Perec führte ihn in die Gruppe ein - und Harry Mathews ist bis heute das einzige amerikanische Mitglied von Oulipo geblieben.
Mathews' 2005 veröffentlichter autobiografischer Roman "My life in CIA" schlug wie eine Bombe ein. Um es vorwegzunehmen: Wenn die Geschichte erfunden ist, dann wird hier genial geflunkert. Wenn die Story echt ist, dann halten wir einen irrwitzigen Bericht in Händen, der die europäische Gesellschaft der 1970er Jahre als extrem paranoid entlarvt.
Ein Gerücht macht die Runde
Man schreibt das Jahr 1973. Harry Mathews lebt in Paris. Eines Tages während einer Party bezeichnet ein junger Schriftsteller Matthews offen als CIA-Agenten. Da er das Gerücht im Brustton der Überzeugung vorbringt, verbreitet es sich wie ein Lauffeuer, bis eines Tages feststeht: Harry Mathews, unser Amerikaner in Paris, ist CIA, basta! Was soll man da machen? Nicht mehr ausgehen? Gar die Stadt verlassen? Oder..., tja, oder das Spiel mitspielen? Ein guter Freund kann ihn überzeugen.
Mach dir die Rolle zu Eigen. Der Erfolg ist garantiert. Glaub mir, angesehene Männer werden dir schmeicheln und nachlaufen, um Informationen zu bekommen, die du überhaupt nicht besitzt. Vielleicht bezahlen sie dich sogar dafür - und wenn jemand weiß, wie man sich das, was sie hören wollen, aus den Fingern saugen kann, dann du. Und denk an all die Frauen, die nur darauf brennen, mit einem echten Spion ins Bett zu gehen!
Fantasievolle Inszenierungen
Womit Matthews aber wahrscheinlich selbst nicht gerechnet hat, ist der Umstand, dass nun sein Gehirn als Schriftsteller in Gang kommt. Er entwirft mit sich selbst in der Hauptrolle ein Szenario, ein Drehbuch für den Film "Ein CIA in Paris". Er hinterlässt an geheimen Orten Botschaften, inszeniert kleinere Verfolgungsjagden und er gründet eine Scheinfirma. Zum Überdruss ist diese Scheinfirma ein Reisebüro, das als Spezialität Reisen zu russischen Atomversuchsanlagen anpreist - und das im Jahr 1973, auf der Höhe des Kalten Krieges!
Es ist also wenig verwunderlich, dass mit der Zeit die Prophezeiungen von Mathews' Freund Wirklichkeit werden: Seltsam höfliche Männer interessieren sich für den Amerikaner in Paris. Und es gibt nicht wenige Frauen, die die intime Nähe zu Mathews suchen - allerdings nicht nur wegen eines erotischen Abenteuers, wie sich bald zeigt.
Aus Spiel wird Ernst
Seine Tätigkeit als Geheim-Kurier führt Mathews einmal auch nach Österreich, genauer gesagt nach Graz, wo er einen bekannten französischen Faschisten trifft. Ahnungslos reicht ihm Harry die Hand, ahnungslos wird er bei dieser Handreichung fotografiert. Und damit wird aus Spaß Ernst. Über einen Freund Georges Perercs, der bereits Böses ahnt, kann Mathews mit einem französischen Spionageoffizier Kontakt aufnehmen. Der sagt ohne Umschweife, dass es um ihn nicht gut steht. Der Mord an einer Sympathisantin der Baader-Meinhof-Gruppe ist Mathews in die Schuhe geschoben worden - ob er im Auftrag der CIA oder auf eigene Faust gehandelt habe, sei dabei egal.
Was nun folgt ist eine wilde Flucht Matthews durch das südöstliche Alpengebiet Frankreichs, bei der er sogar einen seiner Verfolger mit einem Skistock niederstreckt. Doch die Flucht gelingt und der Leser begegnet Mathews am Schluss des Romans wieder: im Berlin des Jahres 1991.
Ein unentwirrbares Knäuel
Was ist "Mein Leben als CIA" für ein Buch? Eine autobiografische Farce, in der erfundene Gegebenheiten und zeithistorische Fakten sich zu einem unentwirrbaren Knäuel verweben? Andererseits beschreibt Mathews das Geschehen haargenau! Und warum hat er überhaupt über 30 Jahre gewartet, um das Erlebnis von 1973 literarisch zu schildern? War vielleicht Mathews wirklich ein CIA?
Auf diese Frage hat Harry Mathews amerikanischen Journalisten folgende Antwort gegeben: Er könne dies offiziell weder bestätigen noch dementieren, denn er sei immer noch CIA! Dass er dabei gelächelt hat, kann man sich gut vorstellen. Doch wie es auch immer mit der Wahrheit bestellt sein mag: "Mein Leben als CIA" ist ein wirkliches Lesevergnügen und ist um vieles intelligenter als so mancher Schmöker, der als hipper Agenten-Thriller angepriesen wird.
Hör-Tipp
Ex libris, jeden Sonntag, 18:15 Uhr
Buch-Tipp
Harry Matthews, "Mein Leben als CIA. Chronik des Jahres 1973", aus dem Amerikanischen übersetzt von Michael Mundhenk, Urs Engeler Editor, 2006
