Eine nicht vollendete Arbeit

Die Modernisierung der Türkei

In seinem Buch "Turkey's Modernization" versucht Arnold Reisman, die Türkei und den "Rest der Welt" einander näher zu bringen. Er beschreibt die Schicksale der von Nazis vertriebener Wissenschaftler, die unter Atatürks Vision zur Entwicklung der Türkei geholfen haben.

"Keine andere Nation, die engere Verbindungen mit der USA und Westeuropa hat, ist so wenig verstanden, wie das der Fall mit der Türkei ist." So lautet ein Zitat von Dankwart A. Rüstow aus dem Buch "Turkey's Modernization" von Arnold Reisman.

Der Autor und sein Buch

Arnold Reisman ist kein Historiker, sondern ein Ingenieur. Erst später hat er als Gastprofessor an der Sabanci und Technischen Universität in Istanbul damit begonnen, die Geschichte der deutschsprachigen Professoren, Wissenschafter, Musiker, Architekten und Künstler aufzuarbeiten, die seit 1933 aus ihren Ländern auswandern mussten und einen großen Beitrag für die Entwicklung der Türkei beigetragen hatten. Vielleicht ist seine nicht aus streng beruflichen Motiven erzwungene Neugier Grund dafür, dass sein Buch viel mehr Themen öffnet als viele andere wissenschaftliche Arbeiten.

Das Werk ist eine hervorragende, gründlich dokumentierte Studie, aber auch ein mit Spannung aufbereiteter Roman, der versucht, Ost und West - in diesem Falle die Türkei und den "Rest der Welt" - einander näher zu bringen. Mit auffallender Plastizität beschreibt Reisman die Arbeit und das türkische Leben vor und nach 1933. Dabei erfährt der Leser die Schicksale und Geschichten einer Reihe Intellektueller. Der Autor selbst leidet mit ihnen. Gleichzeitig versucht er auch, die Motive für ihre Vertreibungen zu verstehen.

Die Reaktion eines Zeitzeugen

Robert E. Weiss, ein Zeitzeuge jener Zeit und selbst Organisator einiger jüdischen Transporte über die Donau und durch den Bosporus bis nach Palästina - zeigt auf, wie wichtig ihm dieses Buch ist:

"'Turkey's Modernization' ist einzigartig gut recherchiert. Es beschreibt einen Ausschnitt der Geschichte, der den meisten nicht bekannt ist. Es erläutert mit großer Genauigkeit den bedeutenden Beitrag deutscher, österreichischer und tschechoslowakischer Wissenschaftler, die von den Nazis aus ihren Ländern vertrieben worden sind und dann zur Entwicklung der Türkei unter Atatürks Vision geholfen haben."

Grundlage für heutiges Türkei-Verständnis

Wenn man heute oft ablehnend über die Türkei spricht und von ihr politische und gesellschaftliche Standards wie im übrigen Europa fordert, dann ist so ein Buch ein großer Beitrag, um mit etwas mehr Kenntnis darüber zu diskutieren. Man vergisst nämlich sehr oft, dass die EU nicht nur eine wirtschaftliche Organisation ist, sondern noch mehr eine politische, die ein friedliches Zusammenleben - nicht nur ihrer Völker - ermöglichen sollte.

1933 hat der Schweizer Professor Albert Malche folgende Worte in seinem Report über die Türkei geschrieben: "Wenn man von außen auf die Türkei schaut, könnte man über die Zukunft des Landes skeptisch sein. Denn dieses große und noble Land hat in ihrer Geschichte schon so viele Reformen erlebt, die zu fast nichts geführt haben. Auch ich hatte zu Beginn meine Zweifel. Jetzt bin ich aber überzeugt davon, dass wir mit großem Einsatz der Türkei zu einer orientalen Renaissance verhelfen können."

Warum nicht heute?

Das Buch von Arnold Reisman kann jedenfalls helfen, dass wir heute die Worte von Albert Malche wahrnehmen und uns wieder die Mühe geben, die nicht vollendete Arbeit der etwa 1.000 damaligen Auswanderer zu beenden, und zwar nicht nur wegen der Türkei, sondern für uns alle. Denn wenn damals so ein großer Sprung mit Hilfe von unter Druck gekommenen Experten möglich war, ist es schwer zu verstehen, warum das heute nicht zu schaffen ist.

Buch-Tipps
Arnold Reisman, "Turkey's Modernization. Refugees from Nazism and Atatürk's Vision, New Academia Publishing", Washington DC,
ISBN 0977790886

Dankwart A. Rüstow, "Brücke zwischen Orient und Okzident", Vandenhoeck & Ruprecht, ISBN 3525335636