Ein Dirigent mit großem Spektrum

Die Musizierlust des John Eliot Gardiner

In Cambrigde studierte er Geschichte und Arabistik, in seiner Freizeit führt er einen Öko-Bauernhof: der britische Dirigent und Chorleiter John Eliot Gardiner. Sein musikalisches Spektrum reicht weit über das eines Barock-Spezialisten hinaus.

Studiert hat er am King's College in Cambridge in England, sein Studium schloss er mit Diplomen in Geschichte und Arabistik ab: John Eliot Gardiner. In seiner Freizeit führt er einen Öko-Bauernhof in North Dorset. Soviel zu den Interessen eines Musikers, der zu den umtriebigsten Persönlichkeiten der historisch-kritischen Aufführungspraxis gezählt wird.

21-jährig gründete er den Monteverdi Choir und führte wenig später in der Kathedrale von Ely Monteverdis "Marienvesper" auf, das war zum 400. Geburtstag des Komponisten im Jahr 1967. Ein Werk, das Gardiner seither weltweit dirigierte und das zum Markenzeichen für seine Tätigkeit geworden ist.

Gardiners Aufführungspraxis

Mit dem Monteverdi Choir und den English Baroque Soloists erschloss Gardiner eine Aufführungspraxis, in der historisches Fachwissen, höchste stimmliche und instrumentale Fertigkeiten und Musizierlust eine harmonische und gleichberechtigte Einheit eingehen. So ist z.B. Gardiners Aufnahme von Händels "Messiah" aus dem Jahr 1982 eine nach wie vor Maßstäbe setzende Einspielung.

Nicht nur Barock-Spezialist

Doch Gardiner war nie der reine Barock-Spezialist, als der er zumeist betrachtet wurde und oft noch immer wird. Neben der Arbeit mit seinen eigenen Ensembles war er als Chefdirigent des Vancouver Orchestra und des NDR-Symphonieorchesters tätig, dirigierte quer durch alle Stilrichtungen.

Dazu ein Beispiel: nur wenige Wochen vor der erwähnten "Messiah"-Aufnahme entstand im Herbst 1982 unter seiner Leitung die Einspielung von Joaquin Rodrigos "Concierto de Aranjuez" für Gitarre und Orchester.

Monteverdi Choir

Mit dem Monteverdi Choir hat sich Gardiner auch längst nicht nur auf Barockmusik beschränkt. Das in seiner Größe flexibel besetzte, virtuose Ensemble erwies sich auch in der Musik jüngerer Epochen als meisterhaft.

Dies belegen zahlreiche Aufnahmen der großen Chor-Orchesterwerke von Beethovens "Missa solemnis" bis zu Brittens "War Requiem". Und besonders hervorzuheben ist auch die A-cappella-Qualität dieses Chores.

Innige Beziehung zu Bach

Eine besonders innige Beziehung hat Gardiner natürlich zu Bach. Und zwar nicht nur zu den Passionen, der h-moll-Messe oder dem "Weihnachtsoratorium". So führte er im Bach-Jahr 2000 alle erhaltenen Bach-Kantaten in mehr als 60 Kirchen in 14 europäischen Ländern auf. Das war die "Bach Cantata Pilgrimage".

Die CD-Aufnahmen dieser Aufführungen sind, wie Gardiner im Booklet schreibt, Nebenprodukte dieser Pilgerreise, denen keine Endgültigkeit anhaftet, sondern die Ereignishaftigkeit, das Lebendige.

Orchestre Révolutionnaire et Romantique

Überdies gründete Gardiner 1990 mit dem Orchestre Révolutionnaire et Romantique einen Klangkörper, das die Instrumente und den Musizierstil der Wiener Klassik und der frühen Romantik historisch korrekt einzusetzen trachtet.

"Lustige Witwe" in Wien

Und nicht zu vergessen ist auch jener John Eliot Gardiner, der im Februar 1999 an der Wiener Staatsoper die Premiere von Franz Lehars "Lustiger Witwe" leitete.

Meiner Meinung nach hat er allen Skeptikern, die glaubten, ein englischer Originalklang-Spezialist könne doch nie und nimmer den Wiener Musikern Wiener Operette vordirigieren, eine wunderschöne, fein empfundene und ausgewogene Fassung dieses Werkes geschenkt.

Hör-Tipp
Ö1 bis zwei, Donnerstag, 3. August 2006, 13:00 Uhr

Links
Wikipedia - John Eliot Gardiner
Website of the Monteverdi Choir, English Baroque Soloists & Orchestre Révolutionnaire et Romantique
Wiener Staatsoper