Schaukelndes Mädchen, Kinder auf dem Spielplatz

APA-IMAGES/DPA PICTURE ALLIANCE/DASHA PETRENKO

Punkt eins

Handy, Eltern, Kind - Konflikt

Zwischen Stress, Störung und Vielfalt: Wir brauchen Auseinandersetzungen. Gast: Lisa Pongratz, MSc, klinische Psychologin mit eigener Praxis, Autorin, Kinder- und Jugendpsychiatrie im Landeskrankenhaus Graz. Moderation: Barbara Zeithammer. Anrufe 0800 22 69 79 | punkteins(at)orf.at

Erbitterte Diskussionen, Wutanfälle, Weinkrämpfe, Resignation: Kaum ein Thema belastet Eltern und Kinder im Alltag mehr als die Nutzung von Smartphone und Social-Media. Zumindest, wenn es um Einschränkungen und die damit verbundenen Konflikte und Reaktionen geht, die teilweise so extrem ausfallen, dass Eltern sich fragen: Ist das noch normal?

Auch wenn die Forschung appelliert, Kindern unter drei Jahren gar kein Handy in die Hand zu drücken, ist das Bild im Alltag ein ganz anderes und das Handy ein häufiger Babysitter. Viele Eltern schaffen es schließlich nicht (mehr), sich mit ihren Kindern über die Smartphone-Nutzung auseinander zu setzen, sie haben keine Kraft mehr. Das Ende März beschlossene Social-Media-Verbot für unter14-Jährige wird es schon richten?

Zumindest drei Stunden täglich verbringen über 70 Prozent der jungen Menschen laut Studien mit dem Smartphone, knapp 40 Prozent sogar über fünf Stunden pro Tag. Was die Kinder auf dem Smartphone tun, wissen die wenigsten Eltern, aber Studien zeigen: je intensiver die tägliche Bildschirmnutzung, desto größer das Risiko für Depressionen oder Angststörungen. Digitale Plattformen stehen unter anderem wegen suchtartiger Designs intensiv in Kritik. 30 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Österreich haben psychische Probleme wie Depressionen oder Angststörungen, doch viele warten monatelang auf Hilfe, seit Jahren ist die Zahl der Therapieplätze zu gering, es mangelt an Fachkräften und Ressourcen. Aber den digitalen Plattformen allein die "Schuld" zu geben, wäre zu einfach.

Eltern haben schließlich Erziehungsaufgaben; Eltern sind Vorbilder. An das Verhalten der Eltern appelliert eine gerade eine in Salzburg gestartete Plakataktion an Eingängen und in Garderoben von Kindergärten und Schulen: "Handypause beim Abholen" möchte darauf hinweisen, wie wichtig ein bewusster Umgang mit dem Smartphone und die ungeteilte Aufmerksamkeit der Eltern für ihre Kinder ist.

Kindergärten und Schulen melden indes zunehmend Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten. Bereits mit dem Eintritt in den Kindergarten wird eine Entwicklungsdokumentation angelegt; rasch wird der Verdacht auf eine "Störung" ausgesprochen - "das ist ja nicht normal!" Beim Elternsprechtag in der Schule stehen weniger die schulischen Leistungen als die sozialen Auffälligkeiten im Fokus: zu schüchtern, zu wild, zu impulsiv, zu weinerlich. Rasch fallen Begriffe wie ADHS, soziale Anpassungsstörung, Zwangsstörung.

"Verzweifelte Eltern, Kinder und Jugendliche wenden sich wiederholt an mich", erzählt die klinische Psychologin Lisa Pongratz aus ihren Erfahrungen an der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Landeskrankenhaus Graz und in ihrer eigenen Praxis: "Die Kinder fallen aus dem Rahmen, die Jugendlichen passen nicht ins System, sie ecken an, sie sind "schräg", "unangepasst", "unerzogen"". Lisa Pongratz spricht von "Neurodivergenz": "In meinem Verständnis handelt es sich dabei nicht um eine Krankheit oder Störung, sondern um eine besondere neurobiologische Vielfalt." Ist das also eine Frage der Perspektive bzw. der Aufmerksamkeit? "Neurodivergenzen sind in unserer Gesellschaft noch nicht ausreichend anerkannt und verstanden", sagt die klinische Psychologin.

Seit Jahren setzt sie sich für Aufklärung über psychische Erkrankungen des Kindes und Jugendalters und Aufmerksamkeit für psychische Gesundheit ein, unter anderem in ihrer Buch-Reihe "Igelino", in der sie verständlich und altersgerecht Depressionen, Angststörungen oder aggressives Verhalten erklärt.

Sind heute mehr Kinder krank als gesund? Ist es der Blick auf das Defizit oder das System Schule, das an Personal- und Ressourcenmangel leidet, weshalb Kinder verstärkt "auffallen"? Ist die Eltern-Kind-Beziehung aus dem Lot geraten, weil Eltern heute lieber Freunde ihrer Kinder sein wollen oder sind Eltern heute unsicherer und stärker gestresst? Ist die Gesellschaft sensibler oder strenger geworden oder machen wir es uns mit Diagnosen schlicht einfacher, weil wir Auseinandersetzungen aus dem Weg gehen, die wir eigentlich führen müssten?

Lisa Pongratz ist zu Gast bei Barbara Zeithammer und wie immer sind unsere Hörerinnen und Hörer sehr herzlich eingeladen, in direkten Austausch zu treten:

Wie halten Sie es mit Konflikten mit den Kindern? Was muss man über Kinder, die Bedingungen ihres Aufwachsens, ihr Verhalten wissen und was brauchen Kinder heute? Wo schauen wir als Gesellschaft hin und wo schauen wir weg? Und was brauchen Eltern, um sich (wieder) mehr mit ihren Kindern auseinandersetzen zu können und zu wollen?

Rufen Sie uns an und reden Sie mit, unter 0800 22 69 79 oder punkteins(at)orf

Service

In der Buchreihe Igelino thematisiert Lisa Pongratz häufig vorkommende psychische Erkrankung im Kindes- und Jugendalter. Bisher sind erschienen:

Igelino lacht nicht mehr
Depressionen kindgerecht erklärt.

Igelino und der Angsthase
Angststörungen kindgerecht erklärt.

Igelino und der wilde Welpe
Aggressives Verhalten kindgerecht erklärt.

Igelino kann nicht anders
Zwangsstörungen kindgerecht erklärt.

Igelino hat Hummeln im Bauch
Aufmerksamkeitsstörungen kindgerecht erklärt

Igelino und das Schlummermonster
Schlafstörungen kindgerecht erklärt.

Sendereihe