Krimi-Tipps für den Sommer

Rechtzeitig zu Ferienbeginn hat sich auch das Wetter der Jahreszeit angepasst. Also auf ins Bad und an den Strand! Dabei darf natürlich die passende Lektüre nicht fehlen: Krimis - spannend, unterhaltend, interessant und informativ.

Washington-Trilogie

Zugegeben: das ist keine Strandlektüre. Dafür ist der Schuber mit den drei Hardcover-Bänden schlicht zu schwer. Nachdem es aber auch Menschen geben soll, die die Sommertage lieber in der vertrauten Umgebung verbringen, kann die "Washington-Trilogie" des US-amerikanischen Journalisten, Filmproduzenten und Schriftstellers George P. Pelecanos getrost empfohlen werden. Washington, die Mord- und Drogenkapitale, von ganz unten, aus der Sicht griechischer Einwanderer. Über mehrere Jahrzehnte erstreckt sich diese kriminelle Familiengeschichte, die ungemein rasant erzählt wird, und die auch stilistisch allererste Güte ist. Mit dem großen Romancier Don de Lillo wurde Pelecanos ebenso verglichen wie mit den Filmemachern Tarantino und Altman. Unser Prädikat: exzellentes "hard boiled"-Genre.

Wer also die Titel "King Suckerman" und "Das große Umlegen" nicht schon vor Jahren als Taschenbuch in der "Noir"-Reihe des Dumont Verlags gelesen hat, der sollte jetzt zugreifen. Komplettiert wird die Trilogie mit dem Krimi "Eine süße Ewigkeit" - die 1980er Jahre, als Koks und Crack die Mordstatistik in Washington in unübertreffbare Höhen trieben.

Tijuana Blues

Direkt an der mexikanisch-kalifornischen Grenze, in Baja California mit den Städten Mexicali und Tijuana, spielen die vier, in einem Band zusammengefassten Kurzromane des ausgebildeten Chirurgen Gabriel Trujillo Munoz. Dort also, wo Zäune und Mauern die so genannte "erste" von der so genannten "dritten" Welt trennen. Tijuana - das ist so etwas wie ein Topos, eine negative Ikone der Gewalt und der Kriminalität. Oft beschrieben und oft gefilmt, liegt also der Maßstab für Kriminalliteratur an diesem Schauplatz sehr hoch. Trujillo Munoz, der nach wie vor in Mexicali lebt und sich auch als Autor von kulturwissenschaftlichen Studien über die "frontera", die Grenzregion, einen Namen gemacht hat, schlägt sich aber durchaus wacker. Der Held der Ermittlungen ist ein mexikanischer Rechtsanwalt, spezialisiert auf Menschenrechte und ihre Verletzungen, und so wirklichkeitsnah wie die Kriminalfälle erscheinen, so realistisch ist auch die Prosa des Autors.

Also durchaus empfehlenswert, wie übrigens große Teile der "backlist" des Schweizer Unionsverlags, der sich mit seiner "metro"-Reihe in den letzten Jahren als wesentliche Instanz der internationalen Kriminalliteratur profiliert hat: Das "Havanna-Quartett" des Leonardo Padura gibt es schon in Taschenbuch-Ausgaben ebenso wie den afrikanischen James Bond: "Jaime Bunda, Geheimagent" des Angolaners Pepetela.

Ein Bolero für den Kommissar

Kuba besteht eben doch nicht nur aus der Hauptstadt Havanna. Abgesehen davon, dass die wirklich gute kubanische Musik aus dem "Oriente", dem im Osten gelegenen Santiago de Cuba kommt, gibt es beispielsweise auch noch die Provinzstadt Santa Clara im Landesinneren. Dort ist eine imposante Che-Guevara-Gedenkstätte errichtet worden, und dort, in Santa Clara, lebt auch Lorenzo Lunar Cardedo. In einem "total verrückten" Viertel der Stadt spielt auch sein jetzt in deutscher Übersetzung erschienener Krimi "Ein Bolero für den Kommissar".

Der Fall ist ein Raubmord, die unschöne Begleitmusik ist die sich seit den 1990er Jahren ausbreitende Kleinkriminalität auf Kuba. Drogen, Diebstahl und Prostitution. Anders als der bereits erwähnte kubanische Kriminalautor Leonardo Padura setzt Lunar Cardedo auf eine sehr knappe und oft auch sehr deftige Sprache. Da wird nichts angedeutet, sondern alles ausgeschrieben. Prädikat: lesenswert als Krimi, aber (wenn nicht vor allem!) auch zur Verdeutlichung eines höchst widersprüchlichen Kubabildes, abseits von "Tropensozialismus", Rum- und Buena-Vista-Seligkeit.

In der Sache Maddalena Paniamo

Vom amerikanischen Kontinent auf den europäischen. Und wo könnte man da eine kriminelle Lesereise besser beginnen als auf Sizilien? Auch wenn es nicht allgemein bekannt ist: Die sizilianische Kriminalliteratur besteht nicht nur aus Andrea Camilleri und seinem Commissario Montalbano. Allerdings ist die Sache mit Gaetano Savaterri nicht ganz einfach: Er stammt aus Mailand, lebt in Rom, beschäftigt sich aber als Journalist und Essayist vorzugsweise mit Sizilien. Und so ist auch Sizilien der Schauplatz seines Kriminalromans "In der Sache Maddalena Pancamo". Auf der Fähre von Palermo nach Neapel geht ein Mädchen über Bord. Was als Unfall zu den Akten gelegt wird, lässt einem jungen Bibliothekar keine Ruhe, und so wird - weniger mit den Mitteln der Kriminalistik als der archivarischen Forschung - schön langsam die Geschichte einer jahrhundertealten sizilianischen Familienfehde aufgedröselt, in der nicht nur die Mafia, sondern auch der KGB eine Rolle spielen.

Prädikat: Spannend und literarisch anspruchsvoll. Für einen Krimi sogar eine Nummer zu groß, hat Andrea Camilleri selbst über diesen Roman gesagt. Was auch immer der "Altmeister" damit meinen mag.

Cosa Nostra. Die Geschichte der Mafia

Begonnen hat es im Jahre 1872 auf einer Zitronenplantage bei Palermo. Mit Einschüchterungen, Gewalt und Mordanschlägen reißt sich der wegen Unterschlagungen geschasste Verwalter die Plantage unter den Nagel. Mit von der Partie: die palermische Polizei und ein katholischer Geheimbund. Mehr als 130 Jahre später hat sich am Wesen der "Sache" ("cosa") nichts geändert: Es geht um Profit und Macht.

John Dickie ist ein englischer Historiker und Journalist, dem das Verdienst zuzuschreiben ist, die erste umfassende, außerhalb Italiens veröffentlichte Geschichte der sizilianischen Mafia verfasst zu haben. Von den Zitronenplantagen des 19. Jahrhunderts über die Eroberung US-amerikanischen Terrains in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis zu den großen Mafiaprozessen in den 1980ern und der Ermordung des Untersuchungsrichters Falcone.

Schluss mit romantischer Banditenfolklore und blutgetränkter Mythologie - die Mafia war und ist ein beinhartes Industrieunternehmen der Gewaltbranche.

John Dickie hat nicht nur umfassend recherchiert, er versteht es auch, das Material übersichtlich und ungemein spannend zu präsentieren. Prädikat: höchst empfehlenswert!

Mehr dazu in oe1.ORF.at

Der Mörder saß im Wembley-Stadion

Der Leipziger Erich Loest ist einer der großen deutschen (Geschichts-)Erzähler. Mit "Sommergewitter" hat er zuletzt einen Roman über den Aufstand vom 17. Juni 1953 in der DDR geschrieben. Weniger bekannt ist der Umstand, dass Loest in den 1960er und 1970er Jahren in der DDR unter dem Pseudonym Hans Walldorf auch Krimis geschrieben hat. Das gehörte - sozusagen - zum "realsozialistischen Resozialisierungsprogramm", denn Loest hatte gerade sieben Jahre Zuchthaus wegen "konterrevolutionärer Gruppenbildung" in der DDR hinter sich.

Einer dieser Krimis ist nun in überarbeiteter Form vom Steidl Verlag neu herausgebracht worden. Zu Recht, denn "Der Mörder saß im Wembley Stadion" ist beste traditionelle Detektivliteratur mit einem Scotland-Yard-Inspektor als Helden. Und die Fußball-WM des Jahres 1966, bei der Gastgeber England die Deutschen(mit Seeler und Beckenbauer) mit einem 4:2 (drei Tore von Geoff Hurst) in der Verlängerung auf Platz zwei verwies, ist mehr als nur Kulisse für die Aufklärung einer Serie von Morden und Raubüberfällen in der britischen Metropole.

Prädikat: spannender Whodunit für laue Sommerabende (nicht nur für Fußball-Fans).

Killer, Krimis, Kommissare

Es ist so eine Sache mit der Sekundärliteratur. Im Allgemeinen und beim Krimi im Besonderen. Diesmal hat sich der deutsche Ex-Diplomat und Ex-Journalist von Uthmann an eine Enzyklopädie des Kriminals gewagt. Und wie es so ist, wenn man im 17. Jahrhundert beginnt und den Bogen bis ins Heute spannen will: viele und vieles bleiben da auf der Strecke. Zwar erfährt man auch hier durchaus Neues und Wissenswertes, insbesondere über die Justiz und die Kriminalistik in ihren frühen Jahren, problematisch wird das Unternehmen aber, je mehr es sich der Gegenwart nähert. Der deutsche Fernsehkrimi beschränkt sich da auf das biedere Triumvirat von "Der Kommissar", "Derrick" und "Der Alte", als hätte es einen "Schimanski" nie gegeben; einem James Ellroy werden gerade mal zwei Zeilen gewidmet, ein Jim Thompson scheint ebenso wenig auf wie das schwedische Schriftstellerpaar Sjöwall/Wahlöö. Dafür ist dem Österreicher Jack Unterweger ein eigenes Kapitel gewidmet, das noch dazu schlecht recherchiert ist.

Prädikat: nicht unspannend, aber eben fragwürdig, wie (leider) das meiste an krimineller Sekundärliteratur. (Für gute Tipps in dieser Hinsicht ist übrigens die Ö1 "Ex libris"-Redaktion sehr dankbar!)

Mehr dazu in oe1.ORF.at

Der Feind im Spiegel

Der ehemalige Nachrichtenredakteur und Moskau-Korrespondent des dänischen Fernsehens Leif Davidsen hat sich schon vor mehreren Jahren mit seinen Polit- und Agententhrillern einen Namen gemacht. In "Der Fluch der bösen Tat" (2001) ging es um die iranische Fatwa, den Bosnien-Krieg und die russische Mafia. In "Die guten Schwestern"(2004) waren es die dänische Nazi-Vergangenheit und spätere Stasi-Verstrickungen, jetzt, in "Der Feind im Spiegel", sind es die CIA, al-Qaida und der Dschihad, die den politischen Kontext abgeben. Wieder mit von der Partie: der Bosnien-Kämpfer Vuk (aus "Der Fluch der bösen Tat"), der jetzt für die CIA arbeiten soll, und der Kopenhagener "Vizekriminaldirektor" Per Toftlund. Gesucht wird ein al-Qaida-Mann mit Domizil in Kopenhagen und London.

Prädikat: solider Politthriller der Post-9/11-Ära. Etwas weniger könnte auch mal mehr sein.

Hör-Tipp
Ex libris, Sonntag, 9. Juli 2006, 18:15 Uhr

Mehr dazu in Ö1 Programm

Download-Tipp
Ö1 Club-DownloadabonenntInnen können die Sendung nach der Ausstrahlung 30 Tage lang im Download-Bereich herunterladen.

Buch-Tipps
George P. Pelecanos, "Washington-Trilogie", aus dem Englischen übersetzt von Bernd W. Holzrichter, Dumont Verlag, ISBN 3832179666

Gabriel Trujillo Munoz, "Tijuana Blues", aus dem Spanischen übersetzt von Sabine Giersberg, Unionsverlag, ISBN 3293003591

Lorenzo Lunar Cardedo, "Ein Bolero für den Kommissar", aus dem kubanischen Spanisch übersetzt von Studierenden der Universität Innsbruck, Haymon Verlag, ISBN 3852184789

Gaetano Savatteri, "In der Sache Maddalena Paniamo", aus dem Italienischen übersetzt von Annette Kopetzky, Verlag Klett-Cotta, ISBN 3608937382

John Dickie, "Cosa Nostra. Die Geschichte der Mafia", aus dem Englischen von Sebastian Vogel, S. Fischer Verlag, ISBN 3100139062

Erich Loest, "Der Mörder saß im Wembley-Stadion", Steidl Verlag, ISBN 3865212506

Jörg von Uthmann, "Killer, Krimis, Kommissare. Kleine Kulturgeschichte des Mordes", C. H. Beck Verlag, ISBN 3406541151

Leif Davidsen, "Der Feind im Spiegel", aus dem Dänischen übersetzt von Peter-Urban Halle, Zsolnay Verlag, ISBN 3552053646