Moskaus Kitsch-Monumente

Moskau ist seit dem Ende der Sowjetunion eine andere Stadt geworden. Es ist nicht mehr die Trutzburg einer Partei, sondern eine Handelsmetropole mit Hang zum Kitsch. Maßgeblich beteiligt an diesem Kitsch ist der Architekt Zurab Tsereteli.

Der Alexandrov-Garten, den Zar Alexander für die Moskauer geöffnet hat, schließt unmittelbar an die Kremlmauer an. Hier liegt das Denkmal für die im Zweiten Weltkrieg gefallenen Sowjetsoldaten, vor dem sich Brautpaare immer noch gerne fotografieren lassen. Seit kurzem springen manche von ihnen nach dem Fototermin ins Wasser: Ein kleiner künstlicher Teich lädt dazu ein. Er ist Teil des neuen Manjesch-Komplexes, eines der größten unterirdischen Einkaufszentren Europas. Für knapp eine halbe Million Euro wurden sieben Stockwerke in die Erde gesetzt, obendrauf eine Art Fußgängerzone am Rande des Alexandrov-Gartens.

Architekt des Komplexes ist Zurab Tsereteli, derzeit einer der populärsten Moskauer: Jeder kennt ihn, alle reden von ihm, nicht alle reden gut von ihm. Hier hat er ein architektonisches Panoptikum im Herzen der Stadt geschaffen: angedeutete dorische Säulen, eine barocke Balustrade, altägyptische Katafalke als Verkleidung der Klimaanlage, eine bronzene Entenfamilie auf dem Wasser, bronzene Figuren aus russischen Märchen, wie zur Dekoration einer Stadtrand-Plattenbausiedlung, ein künstlicher Teich, Springbrunnen und eine Unzahl von Schnörkellampen wie aus dem Gartencenter bei der Autobahnabfahrt. Falsch, die Lampen kommen aus Tseretelis eigener Fabrik, wo 200 Beschäftigte auch alle seine Metallplastiken anfertigen.

Peter I. mit Party-Boot

Auch das 100 Meter hohe ungeheuerliche Denkmal für Zar Peter den Ersten kommt aus Tseretelis Fabrik. Seit 1997 steht es am Ufer der Moskwa, zu seinen Füßen ist ein bunt beleuchtetes Karaoke-Party-Boot verankert. Das passt gut zusammen. "Als Kitsch-Monument ist das Denkmal perfekt", schrieb die Washington Post.

Tseretelis Monster ist fast unbeschreiblich: eine 50 Meter hohe Woge trägt ein noch einmal so hohes Segelschiff, auf dessen Deck ein überdimensionierter Peter steht, halb so groß wie der Mast. Das Ganze aus Bronze, sieht aus wie Schokoguss - und soll ursprünglich als Columbus-Denkmal gedacht gewesen sein, ein Geschenk Spaniens an Haiti, das Haiti zurückgewiesen hätte. urab Tsereteli jedenfalls ist allein wegen dieser Monstrosität weltberühmt und sei es auch nur in Moskau.

Ein eigenes Museum

Tsereteli ist Leiter der russischen Akademie der Künste, Direktor des Moskauer Museums für zeitgenössische Kunst und natürlich auch Leiter des Tsereteli-Museums, das er sich für seine eigenen Werke in einem alten Adelspalast eingerichtet hat, und in dessen geräumigen Hinterhof, denn seine Werke brauchen vor allem eines: Platz, viel Platz. Muss Kunst so groß sein, frage ich ihn. "Der Eiffelturm ist auch groß", sagt er, "und heute kann man sich Paris ohne Turm gar nicht mehr vorstellen."

Ein Mitarbeiter reicht ihm eine Ledermappe, darin handgeschöpftes Papier. "Das ist meine Zeichenmappe, die ich immer bei mir habe. Das hab ich gestern im Flugzeug gezeichnet. Ich zeichne überall, außer in der Sauna. Im Moment hab ich so eine fixe Idee, fast eine Psychose, ich möchte so eine griechische Komposition machen." Man sieht Skizzen von Köpfen, wie auf griechischen - oder russischen - Ikonen.

Nichts scheint original

Das ist eine Besonderheit von Tsereteli: Alles, was er macht, hat man schon irgendwo gesehen. Nichts ist ursprünglich. Er arbeitet auch viel nach Fotovorlagen. Mehrere lebensgroße Charly-Chaplin-Plastiken sind so entstanden. Den Präsidenten Putin hat er in doppelter Lebensgröße gestaltet, im Karate-Anzug, und seinen Freund, den Moskauer Bürgermeister Luschkow, gleich in zwei Versionen: einmal als Straßenkehrer - man beachte die tiefe Symbolik! - und ein zweites Mal als Sportler mit Tennisschläger in der rechten Hand und Fußball am linken Fuß - ein Tausendsassa. Sich selbst hat er natürlich auch schon in Bronze und Lebensgröße verewigt.

Diese Statuen haben ja noch alle im Inneren seines Museums Platz, im glasüberdachten Hof stehen dann die wirklichen Trümmer: ein begehbarer Apfel, an dessen Innenwänden sich dreidimensional Männer und Frauen paaren, in jenen Stellungen, die wir zweidimensional von den Zeichnungen auf antiken Tellern und Vasen kennen; eine fünf Meter hohe Hand, die den Zeigefinger in den Himmel streckt; acht Meter hohe Wände voller Engel und Heiligengestalten; und in etwa dreifacher Lebensgröße die Herren Churchill, Roosevelt und Stalin in Erz, genau wie auf dem berühmten Foto vom Treffen in Jalta auf der Krim 1945. Ein Geschenk für die Krim hätte es sein sollen, aber die Krim-Tartaren wollten keinen Stalin.

"Mach Kunst um der Kunst willen"

"Ich habe seit meiner Kindheit nie Stalin, Lenin oder Marx gezeichnet. Ich hatte gute Lehrer, die sagten: Mach Kunst um der Kunst willen. Radio und Fernsehen machen dagegen Kunst für das Volk", sagt er. Die Kunst als Totschlagargument. Finden Sie es denn richtig, frage ich Tsereteli, wenn ein einzelner Künstler derart das Bild einer Stadt prägt, wie Sie das tun? "Ja wieso denn", wundert er sich, "in Moskau sind es doch nur drei Dinge, Peter der Große, Manegeplatz und die Baglon-Gedenkstätte."

Tatsächlich hat Tsereteli außer dem Manjesch-Komplex am neuen Zoo mitgebaut, eine riesige Gefallenen-Gedenkstätte auf einen Moskauer Hügel gesetzt, das Denkmal für Peter I. aufgestellt, die Deckenfresken des Bolschoj-Theaters gemalt, er war Chef der Innenausstattung der riesigen neuen Erlöser-Kathedrale, er plant seit Jahren ein russisches Disneyland für Moskau um drei oder vier Milliarden Dollar, und kleinere Plastiken von ihm stehen allenthalben herum.

Zudem reißt sich Tsereteli als Architekt viele Rekonstruktionsprojekte in der Altstadt unter den Nagel, wie das die Neue Zürcher Zeitung salopp formulierte. Man spricht bereits von der Tseretelisierung Moskaus wie man von der Verhundertwasserung Österreichs gesprochen hat.

Unbotmäßige Fragen

Auch wenn Tsereteli immer noch jovial lächelt, langsam wird er böse auf mich: "Glauben Sie nicht diesen Abenteurern, die glauben, sie verstehen was von Kunst und die gegen mich schreiben. Wenn Sie die Kunst lieben, sollten Sie mich verteidigen, nicht angreifen!" Ich könnte jetzt zum Beispiel Jill Dougherty zitieren, Leiterin des Moskauer CNN-Büros, die gesagt hatte: "Moskau ist voll mit seinen monumentalen Arbeiten, die manche Kritiker als Kitsch bezeichnen." Aber ich frage indirekter: "Kommt es manchmal vor, dass man Ihnen vorwirft, Kitsch zu produzieren?" Na, mehr hätte ich nicht gebraucht. Tsereteli und Kitsch!

"Wissen Sie was?", braust er auf, "das war ein Journalist namens Darenko, der das behauptet hat. Aber wissen Sie, was jetzt mit Darenko ist? Das Volk lehnt ihn schon ab, es regt sich auf, weil er die Leute betrogen hat. In Russland ist die Kunst so weit fortgeschritten und Sie holen diesen Nichtsnutz Darenko hervor!" Tseretelis Rache für meine unbotmäßigen Fragen ist subtil. Er schenkt mir zum Abschied drei große Bildbände seiner Arbeiten und eine Biografie seiner selbst. Gesamtgewicht: acht Kilogramm.

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Hör-Tipp
Diagonal, Samstag, 13. Jännder 2007, 17:05 Uhr

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Buch-Tipp
Elena Tregubova, "Die Mutanten des Kreml. Mein Leben in Putins Reich", Tropen Verlag, ISBN 3932170911

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