Schreiben ist Küssen mit dem Kopf

Die virtuelle Liebesgeschichte "Gut gegen Nordwind" schaffte es durch Mundpropaganda im Allgemeinen und bei Stadlauer Schülerinnen im Besonderen zu so großer Popularität, dass eine Deutschprofessorin Daniel Glattauer zum Besuch ihrer Deutschstunde bat.

Daniel Glattauer könnte der Hahn im Korb sein. Kämen ihm da nicht der eine männliche Mitschüler unter zwanzig weiblichen Schülerinnen und der Journalist, der dem Autor für die "Tonspuren" das Mikro unter die Nase hält, in die Quere. Der Waldviertel-geeichte Schriftsteller Daniel Glattauer hat sich an den Stadtrand von Wien begeben, um in der Expositur der Handelsakademie in Stadlau den Schülerinnen und dem Schüler Rede und Antwort zu stehen.

Anlass für das rege Interesse der Handelsakademikerinnen und -akademiker an dem 1960 in Wien geborenen Autor ist die 2006 erschienene E-Mail-Romanze "Gut gegen Nordwind". Die virtuelle Liebesgeschichte zwischen Emmi Rothner und Leo Leike schaffte es durch Mundpropaganda im Allgemeinen und bei einer blonden Schülerinnen-Lobby im Besonderen zu derartig großer Popularität, dass die Deutschprofessorin in Stadlau kurzerhand Daniel Glattauer zum Mittelpunkt einiger wesentlicher Deutschstunden auserkoren hat.

Dokumentation mit Mindmaps

Gefinkelte Mindmaps, die wie Strategiepapiere die weißgetünchten Klassenwänden zieren, zeugen von der gründlichen Recherche der 17-jährigen Backfische zum Werdegang des Wiener Autors: Die Mindmaps dokumentieren Glattauers Entwicklung als Schriftsteller, seine Anfänge als Journalist, zuerst für "Die Presse" und dann für den gerade neu gegründeten "Standard", wo er als Gerichtssaalreporter in knappen Worten soziale Dramen festhält.

Beim "Standard" wird Glattauer als "dag" zum regelmäßigen Befüller des "Einserkastls", der Kolumne auf der Titelseite - und erregt damit die Gemüter, vor allem jene der Poster, die hinter ihren Pseudonymen versteckt Verbalinjurien verteilen.

Nach einer ersten schöpferischen Pause vom Journalismus, aus der ein Schubladenroman erwächst, landet Glattauer mit Kurt, dem "Weihnachtshund", einen beachtlichen Treffer auf dem Buchmarkt, der schon in die siebente Auflagen-Runde getrottet ist und auch über die Fernsehkästen flimmert, wenngleich bis zur Unkenntlichkeit umgestaltet. Seine Leserschaft, die Daniel Glattauer als leichtfüßigen Literaten liebt, verschreckt er mit dem düsteren Roman "Darum". Doch in "Gut gegen Nordwind" versöhnt sich Glattauer mit seinem Lesepublikum - bis auf den Schluss.

Unwiderstehliche Einladung

Die blonde Lobby der Stadlauer Handelsakademikerinnen gab sich mit der virtuellen Glattauer-Kenntnis noch lange nicht zufrieden. Sie schmiedete ihre Pläne perfekt, bastelte dem Autor eine höchst individuelle und unwiderstehliche Einladung, und erreichte ihr Ziel, nämlich dass Daniel Glattauer höchstpersönlich in der Deutschstunde seine soziale Klasse unter Beweis stellt.

Nach dem üblichen morgendlichen Schülerprogramm (Auf- und Strammstehen) und der Intervention des Autors - "Ihr müsst's nicht aufgeregt sein - ich muss aufgeregt sein" -, fabuliert Glattauer gekonnt über seine Lieblingstiere, die indischen Laufenten und die Waldviertler Nacktschnecken, denen er mit "Rainer Maria sucht das Paradies" ein Denkmal für Bibliophile gesetzt hat.

Nerven aus Stahl vonnöten

Den Schülerinnen brennt die Frage ("oft gestellt!") unter den Nägeln, ob es in seinem Leben eine "Emmi Rothner" gebe, und Glattauer gesteht seinen Bedarf an Nerven aus Stahl, wenn er sich so manches Posting zu seinen "dag"-Kolumnen durchgelesen hat. Offen erzählt der Autor vom kreativen Prozess, bei dem ihn manchmal die Arbeit seiner Lektorin an seine eigenen Schularbeiten erinnert, nämlich dann, wenn mit roter Farbe Anmerkungen wie "Das ist nicht witzig!" oder "Flach!" in seinen Manuskripten zu finden sind. Aber meistens, konzediert Glattauer, habe die Lektorin "eh" Recht.

Groß ist die Freude beim juvenilen Publikum, als der prominente Referent die gute Nachricht von der Fortsetzung von "Gut gegen Nordwind" verkündet und auch schon andeutet, dass sich Emmi und Leo in "Alle sieben Wellen" von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen werden. Die unvermeidliche Frage am Ende der Schulstunde "Wann kommen Sie wieder?" umschifft Glattauer mit einer Gegeneinladung zu seinen Leseabenden, bei denen er ab Februar, zum Erscheinen seines Buches in Österreich und Deutschland, auftritt.

Hör-Tipp
Tonspuren, Freitag, 30. Jänner 2009, 22:15 Uhr

Buch-Tipp
Daniel Glattauer, "Alle sieben Wellen", Deuticke im Zsolnay Verlag

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Daniel Glattauer