Altenhilfe als Herausforderung für die Jungen

Die Alten werden Träume haben

Unser Gesundheits- und Pensionssystem droht zu kollabieren. Immer weniger junge Menschen müssen die Pensionen und das Gesundheitssystem für die Mehrheit älterer Menschen finanzieren. Wer schafft Abhilfe, wenn nicht die Jungen selbst?

Michael Chalupka über die heutige Situation

Österreich "ergraut". Die Bevölkerungspyramide wird praktisch auf den Kopf gestellt. Die Zahl der Senioren und der "Hochaltrigen" - der Menschen über 80 Jahre - steigt, und die Geburtenrate sinkt. Immer weniger junge Menschen müssen die Pensionen und das Gesundheitssystem für die Mehrheit älterer Menschen finanzieren.

Das christliche Welt- und Wertebild betont die Würde jedes Menschen bis zuletzt. Aber sind jüngere Generationen noch bereit, sich diesen moralischen Herausforderungen einer überalterten Gesellschaft zu stellen? Sind sie finanziell auch dazu in der Lage?

Autonomie nicht beim Portier abgeben

Unser Gesundheits- und Pensionssystem droht zu kollabieren. Es mangelt an professionellen Einrichtungen für altere Menschen und an ausgebildeten Pflegern. Aber nicht nur die finanzielle Lage der Republik ist trist; auch die Einstellung jüngerer Generationen scheint sich zu wandeln. Denn die Pflege von älteren Menschen, die Betreuung in ihrer letzten Lebensphase und ihr Tod werden von den Angehörigen immer mehr Spezialisten überlassen und nach Möglichkeit "ausgelagert":

"Wichtig ist, dass Lebensqualität noch möglich ist und dass es keine Grenze gibt, an der ich meine Lebensqualität, meine Selbstbestimmung, meine Autonomie, beim Eingang des Pflegeheims abgebe“, mahnt Michael Chalupka, der Direktor der Diakonie Österreich, und betont, es gehe hier um ganz fundamentale Menschenrechte.

Apocalypse now

Betrachtet man die Statistiken, so scheinen wir offenen Auges auf ein demografisches Fiasko zuzusteuern: Die Lebenserwartung steigt, die Geburtenzahl sinkt. Der Anteil der Gesamtbevölkerung über 60 Jahre nimmt stetig zu: 1990 waren es neun Prozent, im Jahr 2000 21 und 2030 werden es mehr als 35 Prozent sein. Parallel dazu sinkt die Geburtenrate weiter dramatisch.

Diakonie-Direktor Michael Chalupka hält allerdings wenig von der "Apokalyptik dieser Statistiken und Prognosen“: Es gibt innovative Ansätze, die nicht unbedingt mehr kosten. Nichts ist so teuer wie Lainz.“, sagt er.

Die Angst, anderen zur Last zu fallen

Das Thema Altwerden ist in der öffentlichen Diskussion meist auch angstbesetzt. Was befürchten die Österreicher denn im Falle einer Pflegebedürftigkeit? Was ist ihnen wichtig? Was wünschen sie sich und was möchten sie auf keinen Fall?

Die Diakonie hat zu diesen Fragen vor kurzem eine repräsentative Umfrage in Auftrag gegeben. Demnach ist die Hauptsorge der Österreicher im Alter die Angst, dass man anderen zur Last fällt. Danach folgt die Sorge, dass man die Kontrolle über sich selbst verliert und andere über einen und den Alltag bestimmen könnten. Auch die Angst vor Schmerzen, vor Einsamkeit und finanzielle Sorgen plagen die Menschen.

An erster Stelle der Wünsche älterer Menschen steht die qualitativ hochwertige und fachliche Pflege. Erst dann kommt der Wunsch, den Tagesablauf selbst bestimmen und persönliche Gewohnheiten beibehalten zu können. Die eigenen Möbel und Haustiere stehen erstaunlicherweise eher am Ende der Wunschskala.

Innovative Projekte der Diakonie

Wünsche umzusetzen und Ängste zu nehmen - das sind jene wichtigen Aufgaben, denen sich die Diakonie Österreich angenommen hat. Zentraler Ansatz ihrer innovativen Projekte ist es, den Menschen die Möglichkeit zu geben, ihre Würde und Autonomie bis zuletzt zu behalten.

Ein wichtiger Schritt ist etwa das Modell der "Hausgemeinschaften". "Eine Hausgemeinschaft ist eine kleinräumige, überschaubare Wohnform für Menschen mit hohem Pflegebedarf; mit eigener Türe und Klingel, mit Postkasten und Platz für Individualität“, erläutert Monika Geck, verantwortlich für das Kompetenz-Management Altenhilfe des Diakoniewerkes Gallneukirchen in Oberösterreich.

In Graz gibt es bereits ein solches Modellprojekt einer innovativen Wohnmöglichkeit: "Es hat einen Sinn, wieder aus dem Zimmer zu kommen. Vor allem Frauen fangen wieder an, sich zu pflegen und sogar den Hausfriseur zu besuchen; andere essen wieder alleine“, erzählt Claudia Löcker-Tucek, die Leiterin der dortigen neuen Diakonie-Einrichtung.

Entlastung durch Demenz-Tagesstätte

Eine weitere innovative Einrichtung der Diakonie ist ein Tageszentrum für demenzkranke Personen. Ziel ist es, den demenzkranken älteren Menschen zu ermöglichen, weiter zu Hause zu leben und die Angehörigen tagsüber bestmöglich zu entlasten. Denn eine professionelle Betreuung von Demenzkranken ist aufwändig. Viele Angehörige schaffen es nicht mehr alleine, ihre betagten Familienmitglieder zu Hause zu betreuen.

"Den Vater oder die Mutter in einem Tageszentrum unterzubringen, ist für die Familien ein großer Schritt“, sagt der Leiter des Tageszentrums, Werner Lodar: "Man muss sich eingestehen, dass man es alleine nicht mehr schafft“.

Mehr als halbe Million Pflegebedürftige

In Österreich leben derzeit rund 540.000 hilfs- und pflegebedürftige Menschen in den eigenen vier Wänden. Ein Großteil von ihnen, nämlich mehr als 80 Prozent, wird von Angehörigen betreut. Das erfordert großes zeitliches, menschliches und auch finanzielles Engagement. Mobile Dienste wie die Hauskrankenpflege unterstützen die Angehörigen dabei.

Zur finanziellen Entlastung wurde das Pflegegeld eingeführt, das je nach Pflegebedarf in verschiedene Stufen eingeteilt ist und sich nach dem Stundenaufwand der Pflege pro Monat richtet. In der niedrigsten Stufe werden monatlich 148 Euro bezahlt, in der höchsten Stufe 1.562 Euro. Das Pflegegeld ist ausschließlich für Pflege und Betreuung bestimmt. Es unterliegt nicht der Einkommenssteuer und ist unabhängig von der Ursache der Pflegebedürftigkeit sowie von Einkommen und Vermögen.

Derzeit sind in Österreich rund 350.000 Menschen anspruchsberechtigt. Bis zum Jahr 2015 wird sich die Zahl der pflegebedürftigen Menschen in Österreich auf ca. 800.000 erhöhen. Mehr als 7.000 zusätzliche Krankenpfleger und Altenbetreuer werden bis dahin benötigt.

Qualität vor Quantität

Schon heute gibt es zu wenig Einrichtungen für Pflegebedürftige. Auch der Beruf des Altenpflegers hat kein gutes Image: "Qualität darf und muss im Bereich der Altenhilfe etwas kosten!“, fordert daher Claudia Löcker-Tucek, die Leiterin der beiden innovativen Alteneinrichtungen der Diakonie in Graz.

"Die Politik ist gefordert“, meint auch Diakonie-Direktor Michael Chalupka: "Ich würde mir vor allem eine Änderung des föderalen Symstems wünschen. Denn die Versorgung der alten Menschen ist derzeit Ländersache, und dadurch entstehen in den einzelnen Bundesländern sehr unterschiedliche Bedingungen und Situationen“. Er wünscht sich künftig für alle älteren ÖsterreicherInnen die gleichen Möglichkeiten und Chancen.

Hör-Tipp
Motive, Sonntag, 21. Mai 2006, 19:05 Uhr

Download-Tipp
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Link
Diakonie Österreich